HOME

Beim Urologen

Eine Erzählung


Beim Urologen

Seit vier Jahren war ich verheiratet und meine Frau wünschte keine Kinder. Kinder sind kleine Ungeheuer, sagte sie immer und ich glaube, in erster Linie dachte sie dabei an ihre eigene Kindheit. Verhütung war bei uns ein Thema, aber keine Praxis. Seit acht Jahren vögelten wir - ohne Vorsichtsmaßnahmen – aber wir sprachen jedes Mal nachher darüber. Mittlerweile war uns der Gedanke gekommen, dass ich unfruchtbar sein könnte. Acht Jahre ohne Verhütung und ohne Schwangerschaft waren verdächtig. Ich müsse mich sterilisieren lassen, um sicher zu gehen, meinte meine Frau. Ich dachte an die darauffolgende Impotenz, obwohl ich natürlich wusste, dass das Quatsch ist; aber konnte man da ganz sicher sein?
Meine Frau überzeugte mich davon, zum Urologen zu gehen, zunächst, um mein Sperma untersuchen zu lassen – vielleicht hatte ich einen Freifahrschein. Eventuell müsste ich anschließend zur Kastration, Entschuldigung, ich meine natürlich Sterilisation.
Ich war noch nie beim Urologen.
Mit gemischten Gefühlen saß ich im Wartezimmer, um mich herum Sterilisationskandidaten; zumindest stellte ich mir diese so vor.
Der Urologe sagte mir, ich müsse eine Woche abstinent sein, meine Frau war begeistert. In den folgenden Tagen versagte ich mir jeden Blick auf weibliche Reize, Abstinenz ist grausam, doch die Zeit ging vorbei.
Zum vereinbarten Termin reichte mir die Sprechstundenhilfe einen Plastikbecher und sagte, ich müsse die Spermaprobe dorthinein füllen und sie ihr anschließend überreichen. Sie schien damit keine Probleme zu haben, was ich von mir nicht sagen konnte. Lächelnd wies sie mir den Weg zur Toilette, hier könne ich meine Probe entnehmen. Ich fragte mich, ob sie sich abends bei ihrem Mann ähnlich ausdrückt.
Hier stand ich nun vor dem Waschbecken und betrachtete mir im Spiegel das von Peinlichkeit berührte Gesicht des Mannes, an den ich nun Hand anlegen musste. Mir war noch nicht klar, wie ich mich in dieser Umgebung in die erotische Stimmung versetzen sollte. Ich setzte das Plastikschälchen auf das Waschbecken, ließ meine Hose halb herunter und begann mit der Probenahme.
Das Sprechstundenmädchen leistete mir dabei gute Dienste, sodass ich es tatsächlich zur Erektion brachte. Mehr und mehr bemühte sie sich als plötzlich ziemlich ruppig die Klinke der Toilettentür gedrückt und an der Tür gerappelt wurde. Mein hilfreiches Mädchen verpuffte wie eine Seifenblase.
„Besetzt!“ rief ich panisch und zog hektisch die Hose hoch.
„Dauert es noch lange?“ Die Frauenstimme gehörte nicht der zerplatzten Sprechstundenhilfe und hörte sich sehr ungeduldig an.
„Weiß ich noch nicht“, gab ich wahrheitsgemäß zurück.
„Sie müssen doch wissen, wie lange Sie noch brauchen“, erwiderte eine schnippische Stimme. Ich stellte mir ihren bedauernswerten, leistungsgestressten Mann vor.
„Können sie mich vielleicht weitermachen lassen, sonst wird das nie was“, gab ich leicht erbost zurück. „Beeilen Sie sich, es warten noch mehr“, ertönte die unsympathische Stimme.
Ich sah eine lange Reihe Sperma-strotzender Männer mit einem Plastikschälchen auf einem Holzbalken vor der Klotür sitzen. Mein Probengeber hatte sich mittlerweile in einen äußerst ungünstigen Zustand versetzt. Verkrampft versuchte ich, die Sprechstundenhilfe zurück zu holen. Mit viel mechanischem Geschick gelang mir so leidlich eine Verbesserung der Situation, als die Toilettentürklinke wieder unsanft betätigt wurde. „Ja? , rief ich verzweifelt und die unsympathische Frauenstimme keifte:
„Sie sind ja immer noch nicht fertig!“
Ich sagte nichts mehr und wartete, bis das Rütteln an der verschlossenen Tür beendet war. In einem Moment, in dem ich glaubte, das Scheusal sei verschwunden, nahm ich meinen leeren Becher und huschte aus der Toilette. Vor der Tür stand eine etwa fünfzigjährige Frau mit einem roten Haarturm und viel Farbe im Gesicht; sie schaute mich vorwurfsvoll an und schüttelte mit dem Kopf; ich hatte versagt. Ich schlich mich zurück in die Praxisräume; am Empfangspult erkannte ich meine Probennehmerin. Mit gemischten Gefühlen drückte ich ihr das Plastikschälchen in die Hand und versuchte, das Problem zu erläutern.
„Tut mir leid“, sagte sie, „wir müssen uns die Toilette mit dem Kosmetiksalon von nebenan teilen; na, dann beim nächsten Mal.“
Ich war seither nie wieder beim Urologen. Im Folgemonat war meine Frau schwanger.
© Erich Romberg
zurück