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Das Tinkermädchen Saoirse und die Alte Maisa

Ein Auszug aus: "Geschichten an irischen Torffeuern"


Das Tinkermädchen Saoirse und die Alte Maisa

Niemand weiß, wie alt Maisa wirklich ist, doch die Ältesten des Stammes sagen, sie sei schon alt gewesen ist, als sie selbst noch Kinder waren. Saoirse ist gerne bei ihr, denn sie kennt viele spannende Geschichten aus einer Zeit, als Irland noch so ganz anders war als heute. Im Stamm nennt man sie nur die Alte Maisa und sie ist Medizinfrau, Wahrsagerin, Ratgeberin, sowie die letzte Instanz bei Streitigkeiten, aber auch, wenn zwei junge Menschen sich das Jawort geben. Die Mitglieder hören auf ihren Rat und sie fahren seit Jahrzehnten gut damit. So manchem weisen Spruch haben sich scheinbar unversöhnliche Streithähne schon gebeugt, anfangs murrend, später aber einsehend, dass es gut so war.
Saoirse ist mit ihren fünfzehn Jahren noch nicht so viel herum gekommen und an großen Städten hat sie bisher nur Galway und Castlebar gesehen. Die Alte Maisa war jedoch schon überall und in ihren jungen Jahren – wenn sie jemals jung war – soll sie sogar in Dublin gewesen sein.
Saoirse und ihr Stamm gehören zu den letzten Nomaden Irlands und in den vergangenen Jahrzehnten sind viele von ihnen sesshaft geworden. Ihr Wohnwagen wird heute von einem alten Opel gezogen und weil Benzin teuer geworden ist, können sie nicht mehr soviel herumfahren. Saoirse kennt nicht mehr die Zeiten, als Pferde die Wagen zogen und für diese gab es selbst dann noch Futter, wenn für die Menschen die Zeiten mager waren. Sie wünscht sich manchmal, dass diese Zeiten zurückkehren, denn Pferde liebt sie sehr. Außerdem ist sie es leid, immer wieder an den gleichen Orten anzukommen. Wie schön war es dagegen in jenen Zeiten, als man am Morgen nicht wusste, wo man am Abend sein Lager aufschlug. Auch die Menschen waren früher viel netter. Maisa erzählt manchmal, dass die Dorfleute ihnen zu Essen und zu Trinken gaben, wenn sie irgendwo ankamen. Obwohl, die Menschen damals waren arm, aber, was sie hatten, haben sie geteilt. Saoirse hört gerne die Geschichten über die Feste, die mit den Dorfleuten gefeiert wurden.
Wie anders ist es heute!
Dörfer sind zu Städten geworden und die Menschen wohlhabend. Doch die Reichen teilen nicht gerne, und mit denen, die arm geblieben sind, müssen die Tinker heute konkurrieren.
Die Menschen früher waren froh, wenn jemand ihre Kessel und Töpfe für ein paar Pfennig flickte oder ihre Messer und Scheren schliff.
Heute lassen nur noch wenige Schleifen und Töpfe werden neu gekauft, wenn sie eine Beule haben oder undicht sind. Man bekommt sie schon für I£4,- in den Dune Stores. Es gibt nicht mehr viel zu tun für die Tinker heutzutage. Die Sozialhilfe reicht nicht, um Benzin zu kaufen. Wenn Maisa nicht durch gelegentliches Karten legen oder Hand lesen dazuverdienen würde, könnten sie manchmal nicht einmal Castlebar verlassen. Saoirse erinnert sich an Kiltimagh. Als sie mit ihren Brüdern einmal durch die Stadt gezogen war, hatten sich die Leute sehr seltsam verhalten; es schien, als hätten sie Angst gehabt. Von der Straße sind sie in ihre Häuser geeilt. Saoirse wollte in einem Supermarkt auf der Main Street etwas Süßes kaufen, doch der Besitzer hatte den Laden verschlossen, obwohl Saoirse durch die Schaufenster sehen konnte, dass Kinder darin waren. Als einer ihrer Brüder an die Tür klopfte, gestikulierte ein Mann im weißen Kittel, dass geschlossen sei. Als Saoirse später die Maisa fragte, sagte diese:
„Es gibt Stämme, die so arm sind, dass sie in den Dörfern und Städten betteln. Die Sesshaften aber sammeln Dinge und Geld, die dann ebenfalls sesshaft werden. Sie mögen es nicht, wenn sich der Zustand ihres Lebens und ihres Besitzes ändert.
Wenn ein Sesshafter eine bestimmte Summe Geldes besitzt, so ist es für ihn beunruhigend, wenn sich diese reduziert. Es würde bedeuten, dass ihr Geld wandert. Sie hassen es aber, wenn Menschen oder Dinge wandern. Deshalb versuchen sie alles, was einmal in ihren Besitz gelangt, festzuhalten. Es gibt unter ihnen Menschen, denen der Hauch des Todes schon im Gesicht geschrieben steht und die mehr Geld besitzen, als sie jemals in den letzten Tagen ihres Daseins ausgeben könnten. Dennoch klammern sie sich an jeden Penny ihres Besitzes. Sie versuchen sogar, noch mehr zusammen zu raffen. Wenn der Tod nun diese Menschen endgültig ereilt, haben sie eine ungeheure Angst vor ihm; sie zetern und jammern, weil sie wissen, dass er ihnen sämtlichen Besitz nehmen wird.
Wenn nun jemand von uns zu ihnen kommt, fürchten sie gebeten zu werden etwas von ihrem Besitz abzugeben. Gleichgültig, ob wir sie bitten oder nicht, allein unser Anblick versetzt sie in Angst und Schrecken. Sie sagen, wir Tinker sind Bettler und Diebe. Sie unterscheiden nicht zwischen Betteln und Stehlen und aus ihrer Sicht ist es verständlich; beides bedeutet eine Schmälerung ihres Besitzes; deshalb fürchten sie uns wie den Tod. Diese Menschen sind ärmer als ein hungernder Bettler; deshalb sollten wir für sie beten. Ja, die alte Maisa ist sehr weise und weiß über alles in dieser Welt ein gutes Stück.
Saoirse ist fest entschlossen, einen Sesshaften niemals um etwas zu bitten, denn sie möchte nicht, dass jemand Angst vor ihr hat.
Dann kommt ihr sechzehnter Geburtstag und die Maisa lässt sie zu sich rufen. Die klugen Augen der Alten betasten sie von Kopf bis Fuß. „Du bist eine junge Dame geworden und mir ist es nicht entgangen, dass – von dir unbemerkt – junge Burschen gelegentlich ein lustvolles Auge auf dich gerichtet haben. Du bist bisher von deiner Sippe von dem Leben behütet worden, ich weiß, dass deine Gesinnung aufrecht und dein Charakter fest ist. Von den Menschen in dieser Welt weißt du kaum mehr, als ich dir erzählt habe. Deshalb habe ich mit deinen Eltern beschlossen, dass du einen ganzen Monat lang die Samstage und Sonntage in Kiltimagh verbringen darfst. Nachdem die Sonne den Zenit überschritten hat, gehst du ins Dorf und eine Stunde nach Mitternacht holt dich dein Vater an der Kirche wieder ab. Ich habe für dich gespart und du sollst für jedes dieser Wochenenden vierzig Pfund erhalten, damit du einerseits unabhängig bist, andererseits aber deine freie Zeit genießen kannst. Nutze die Gelegenheit um möglichst viel über die Menschen zu lernen.“
Saoirse fühlt einen freudigen Sprung in ihrem Herzen, schon lange wünscht sie insgeheim, dass sie einmal ohne die Aufsicht ihrer Brüder in einer Stadt oder in einem Dorf verbringen dürfte.
„Übermorgen“, fährt die Alte fort, „kommst du am Vormittag zu mir, denn es ist dein erster Samstag. Ich gebe dir Kleider, die sich von denen im Dorf nicht unterscheiden, denn die Menschen dort würden sonst die Tinkerin in dir erkennen. Denke daran, was ich dir einmal über die Sesshaften und ihre Ängste erzählt habe, betrachte sie aber ohne Vorurteil.“
Saoirse fiebert ihrem Tag entgegen. Viele Erwartungen in ihrem Kopf malen Bilder in die ungeduldige Seele. Sie nimmt sich vor, viel über die Menschen zu lernen. Eines Tages möchte sie so klug wie die alte Maisa sein. Was immer die aufrechte Gesinnung und der feste Charakter bedeuten, sie würde es herausfinden und bewahren.
Dann ist es Samstag. Um neun Uhr am Morgen klopft sie bereits an Maisas Tür, sie hat in der Nacht unruhig geschlafen. Als das Gesicht der Alten im Türspalt erscheint, zieht sich ein breites Grinsen durch ihr runzeliges Gesicht.
„Ich habe dich schon erwartet“, sagt sie und lädt das Mädchen ein hereinzukommen. Auf dem Tisch liegen eine Jeans, eine weiße Bluse, eine ärmellose Überjacke und ein schwarzer Mantel mit einem flauschigen Kunstfell. Auf dem Boden zwischen den Stuhlbeinen stehen halb hohe lederne Schuhe. Kaum wagt Saoirse zu glauben, dass dieses für sie sein soll. Wenig später bestaunt sie sich selbst in dem altmodischen Kommodenspiegel der Alten. Sie kann es kaum fassen, dass sie das Mädchen im Spiegel ist. Dann deutet die Alte auf das Sofa und Saoirse setzt sich unsicher auf den vorderen Rand des Sitzkissens. Maisa nimmt den Platz neben ihr ein und ergreift ihre Hand.
„Ich will keine langen Erklärungen geben und dich auch nicht mir Verhaltensmaßregeln verwirren, nur einen Rat gebe ich dir, wenn du möchtest.“
Die offenen Augen des Mädchens blicken in die tiefen der weisen Alten.
„Ja“, haucht die Kleine, „jeden, den du mir zu geben bereit bist.“
Die Maisa lässt ein gefälliges Grunzen ertönen und beginnt, ihre Augen fest auf das Mädchen gerichtet:
„Bei allem was du beabsichtigst zu tun gibt es nur eine Instanz, und das ist dein Herz. Gehe vor jeder Entscheidung dies oder jenes zu tun in dich und frage, ob es sich richtig anfühlt. Vergiss alles, was du über Gut und Böse gehört hast, folge keiner sturen Moral. Frage niemals deinen Verstand oder deine Lust, ob etwas, was du zu tun im Begriff bist, richtig oder falsch ist, höre nur auf dein Herz, mehr brauche ich dir nicht auf den Weg geben.“
Saoirse blickt die Alte mit großen Augen an; von ihren Eltern ist sie gewohnt, dass es für alles eine Regel gibt, nach der man sich zu richten hat. Es ist ihr nie gelungen, all diese Regeln zu behalten. Was die Alte ihr aber als Rat offenbarte, hört sich so einfach an. Als hätte diese die Gedanken des Mädchens erraten, sagt sie:
„Oh, mein Schatz, stelle es dir nicht so einfach vor, wie es sie anhört. Der Ruf des Herzens ertönt leiser als ein Tausendstel von der Stimme des Kopfes und ein Zehntausendstel von jener der Lust. Ihn zu vernehmen ist schwieriger als den Todesschrei einer Raupe zu hören, die vom Reifen eines Automobils zerquetscht wird. Dennoch, dieser Ruf ist das Einzige, was du hören musst. Wenn du diesen Rat befolgen möchtest, mache ich mir um dich keine Sorgen.“
Saoirse möchte nicht, dass sich die Alte Maisa um sie sorgt und ist fest entschlossen, auf den Ruf ihres Herzens zu hören, wie leise er auch immer sein möge. Die Alte nickt wieder, als hätte sie die Gedanken der Kleinen erraten und sagt:
„Ich brauche mich um dich nicht zu sorgen.“
Gegen zwölf Uhr am Mittag setzt der Vater sie an der Kirche ab.
„In genau zwölf Stunden werde ich wieder hier sein und dich nach Hause holen; Gott schütze dich.“
Saoirse sieht eine Träne im Auge des Vaters und sagt:
„Mache dir um mich keine Sorgen, mein Herz wird mich beschützen.“
Dann ist sie endlich allein, das erste Mal in ihrem kurzen Leben. Langsam schlendert sie auf das Zentrum des Dorfes zu. Auf der linken Hand erscheint das erste Pub, sie weiß, dass es siebzehn davon in diesem Dorf gibt. Eine alte Dame mit wachen Augen steht in einer Tür und blickt sie unverhohlen an. „Hallo, guten Tag“, sagt Saoirse etwas verlegen.“
„Ich habe dich noch nie hier gesehen“, sagt die alte Dame.
„Ich bin zu Besuch“, antwortet das Mädchen, „heute Nacht muss ich wieder fort.“
„Herzlich Willkommen“, sagt die Alte, „Gott schütze dich.“
Saoirse spürt einen freudigen Sprung in ihrem Herzen, es war das erste Gespräch, das sie allein außerhalb ihrer Sippe geführt hatte. Wesentlich selbst bewusster schritt sie nun weiter in Richtung des Dorfzentrums. Auf der Straße tummeln sich viele Menschen. Es ist ganz anders als damals, zu jener Zeit, als sie mir ihren Brüdern hier war und die Geschäftsleute ihre Läden vor ihnen verschlossen. Außer den Blicken ein paar junger Burschen scheint sich niemand für sie zu interessieren. Es ist ihr ganz recht, denn schon die Blicke der Jungen machen sie verlegen. An einem Burger-Imbiss hält sie inne und erinnert sich, dass sie eine Menge Geld in ihrer Tasche hat, mehr als sie braucht, um sich einen Cheese Burger leisten zu können. Weniger aus Hunger – sie hatte zu Hause gegessen – beschließt sie einen Cheese Burger zu kaufen. Im Imbiss steht ein junger Bursche hinter der Theke. Es sind viele Gäste im Lokal und es dauert zehn Minuten, bis sie dem Jungen auf der anderen Thekenseite gegenübersteht.
„Und worauf hast du Lust“, fragt er mit einem anzüglichen Lächeln. Mit großen Augen schaut sie ihm in die schönen, aber etwas frechen Augen. In ihr hämmert es:
‚Lust, Lust, Lust', dann steigt es in ihren Kopf: Ihr Herz wollte diesen Cheese Burger nicht; dennoch fühlt sie im Herzen ein nie gekanntes Verlangen; es war nicht der Cheese Burger. Sie blickt den Jungen an und senkt verlegen ihre Augen.
„Entschuldigungen Sie“, stammelt Saoirse, „ich... ich... weiß nicht.“
Sie fühlt, dass es in ihrem Gesicht heiß wird und wagt es nicht, den Jungen hinter der Theke noch einmal anzuschauen. Dann will sie nur noch hinaus. „Entschuldigen Sie“, sagt sie noch einmal und verlässt fluchtartig die Theke. Sie hört den Jungen noch rufen:
„Warte doch mal“.
Dann erreicht sie die rettende Tür des Imbiss. Als würde sie verfolgt, rennt sie die Straße hinunter und bleibt erst wieder stehen, als die Reihe der Menschen wieder dünner wird und sie neben einer Art Abenteuerpark für Kinder steht. Durch die Begrenzungsbalken blickt sie in den Park hinein und beobachtet die an den Geräten tobenden Kleinen. Sie spürt in sich ein Wirrwarr von Gefühlen. Aus diesem Durcheinander kommt ihr immer und immer wieder:
‚Du musst auf dein Herz hören.'
So sehr sie sich auch bemüht, sie kann ihr Herz nicht hören. Die Kinder im Park jauchzen vor Vergnügen und für einen Moment beruhigen sich die Vulkane in Saoirse. Dann beginnt ihr Kopf zu arbeiten.
‚Du bist dumm', sagt er. Es ist so schön in der Stadt und du stehst hier und bist feige. Es kann doch nicht so schlimm sein. Eigentlich ist überhaupt nichts passiert.'
Mit einem Ruck wendet sie sich von dem Kinderpark ab und geht zurück in das Dorf. Das Treiben der Menschen ist dichter geworden und vor einem Pub sieht sie eine Gruppe von Jungen mit ein paar Mädchen herum albern. Sie versucht an ihnen vorbei zu huschen, als ein Junge sie anruft.
„Hallo, du Schöne, wo willst du hin, hier läuft die Party.“
Unvermittelt steht er vor ihr und blickt ihr frech in die Augen. Ein Mädchen aus der Gruppe sagt:
„Lass die Kleine zufrieden, Kevin.“
Saoirse ist verwirrt und weiß nicht, wie sie sich verhalten soll.
„Welche Party“, fragt sie mehr aus Verlegenheit als aus Interesse.
„Ah..., na ja, die Party halt.“
Nun scheint der Junge etwas verlegen zu sein. Ein Mädchen löst sich aus der Gruppe und hakt sich unter ihren Arm.
„Hör nicht auf ihn“, sagt sie verächtlich, „er ist ein bisschen blöd.“
Obwohl Saoirse dieses Mädchen nicht kennt, tut es ihr gut, dass sie sich ihrer annimmt.
„Ich bin Máire“, sagt sie, „du bist wohl fremd hier, ich habe dich noch nie hier gesehen.“
„Ja“, antwortet Saoirse, „nach Mitternacht muss ich wieder fort.“
„Dann haben wir noch genug Zeit uns kennen zu lernen“, sagt Máire.
„Aschenputtel“, ruft einer der Jungen amüsiert.“
„Halt den Mund“, sagt Máire, ihr seid dumme Bauernjungen.“
Zu Saoirse gewandt sagt sie:
„Möchtest du auch die Storyteller hier im Pub hören?“
„Storyteller?“, fragt Saoirse verdutzt.
„Bist du denn nicht deswegen hier?“
„Nein, ich bin zum ersten Mal allein im Dorf, um die Menschen kennen zu lernen.“
Verwundert blickt Máire Saoirse an.
„Soll das heißen, du warst noch nie allein irgendwo?“
„Ja“, antwortet Saoirse, „ich bin erst vor zwei Tagen Sechzehn geworden.“
„Na und?“ sagt Máire, „ich war schon mit Acht oder früher allein hier im Dorf.
Saoirse blickt sie mit großen Augen an; auf einmal kommt sie sich sehr dumm vor. Doch dann sagt Máire.
„Mache dir nichts daraus,“ das kriegen wir schon hin. Zuerst kommst du mit uns hier in das Pub und hörst dir die Geschichten der Erzähler an. Du weißt wahrscheinlich gar nicht, dass heute das Festival der Geschichtenerzähler ist. Jeder hier, der möchte, ist aufgerufen, eine Geschichte zu erzählen.“
Dann richtet sie ihre Lippen zu Saoirses Ohr und flüstert.
„Kaum jemand hier erzählt noch Geschichten, aber wir alle freuen uns auf die Professionellen, die jedes Jahr zum Festival ins Dorf kommen und alte Geschichten zum Besten geben, das solltest du nicht verpassen. Heute und morgen kommen die berühmtesten. Geschichtenerzähler des Landes in unser Dorf und erzählen Dinge, die dir das Zwergfell platzen oder dein Blut in den Adern zu Eis werden lassen.“
„Ich höre gerne spannende Geschichten“, freut sich Saoirse, „sehr gerne gehe ich mit dir.“
„Dann komm“, sagt Máire und zieht Saoirse zur Tür des Pubs, „in zehn Minuten kommt hier ein ganz Berühmter.
„Lass die Prinzessin hier bei uns“, ruft eine übermütige Jungenstimme.
„Halt die Klappe“, ruft Máire verächtlich, „lass dich vollaufen und verpiss dich nach Hause.“
Saoirse ist sehr beeindruckt von der Courage Máires, denn sie selbst hätte sich nie getraut so etwas zu sagen.
Saoirse ist zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Pub. Das Joices ist ein kleiner Raum mit zwei Theken. Rechts sieht es aus wie ein alter Kaufladen. In den Regalen stehen Dosen mit Bohnen, Pakete mit Cornflakes und andere altertümlich anmutende Lebensmittelschachteln, wie sie in den modernen Supermärkten nicht mehr zu finden sind. Rechts, hinter der längeren Theke, steht eine freundlich aussehende alte Dame und zapft Ale in ein Pintglas. Auf einem Hocker hinter der Theke sitzt ein Mann mit langen dunklen Haaren und dreht sich eine Zigarette. Vor der Theke tummeln sich Männer zwischen achtzehn und achtzig. Auf den wenigen Bänken sitzen Frauen beieinander und erzählen sich Dorftratsch. Aus allen Ecken ertönen Stimmen und Gelächter und Saoirse freut sich, dass alle Menschen so fröhlich sind.
Máire nimmt Saoirse bei der Hand und zieht sie zur Theke.
„Das ist Saoirse, Ann“, sagt sie zu der alten Dame hinter der Theke, „sie ist zum ersten Mal allein aus.“
Zu Saoirse gewandt sagt sie mit einer Geste auf die alte Dame:
„Das ist Anny Joe, die Landlady“.
Anny Joe blickt Saoirse mit funkelnden Augen an, ihr Mund zeigt ein Jung-Mädchen-Lachen.
„Willkommen in Kiltimagh“, sagt sie, „du hast den besten Tag für einen Besuch gewählt, in ein paar Minuten spricht hier einer der berühmtesten Geschichtenerzähler Irlands, Pádraig ó Flaherty aus Donegal.“
Máire bestellt zwei 7Up und stellt Saoirse noch Paul, den Neffen Anny Joes vor, den langhaarigen Mann der gerade bedächtig die Gedrehte anzündet. „Hi Saoirse“, sagt er in Zeitlupe und zieht seine Lungen voll Rauch, „Willkommen hier“, und er bläst genüsslich den Rauch in die Luft. „Hallo Paul“, antwortet Saoirse artig, „schön dich kennen zu lernen.“
Paul nickt, und etwas wie ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er sieht in diesem Moment glücklich aus und inhaliert zur Steigerung des Wohlbefindens noch einmal kräftig.
„Pádraig ist brillant“, sagt er, „er wird dich begeistern.“
Seine Worte klingen wie eine tausend Jahre alte Weisheit, langsam und bestimmt quellen sie im Bariton aus seinem Mund. Sie haben es geschafft, dass Saoirse vor Neugier platzt.
Ein junger Mann mit glasigen Augen auf der Bank am hinteren Ende der Theke springt auf, schneller als es für seinen Zustand gut sein könnte. Torkelnd weist er den beiden Mädchen seinen Platz zu, Máire lässt sich nicht zweimal bitten und zieht Saoirse zu sich hinter.
„Danke Joe“, sagt sie schnippisch, und zu Saoirse gewandt: „Logenplatz.“
Joe stiert Saoirse an und versucht ein charmantes Lächeln, das so schwer zu sein schien, dass es ihn beinahe von den Beinen gehauen hätte.
„Joe ist ein lieber Kerl“, flüstert sie Saoirse ins Ohr, „aber leider meistens betrunken.“
Dann öffnet sich die Tür von der Straße und ein etwa sechzig Jahre alter Mann mit einer bunten Jacke und einem breitrandigen Hut kommt herein. Máire stößt Saoirse in die Rippen und raunt aufgeregt:
„Das ist er.“
Das Durcheinander im Pub ordnet sich, Lachen und Geschnatter verstummen und auf ein Mal ist der Raum mit Applaus gefüllt. Saoirse treten die Tränen in die Augen, so erhebend empfindet sie die Stimmung. Irgendwo aus den Tiefen des Raumes wird ein erhöhter Hocker hervorgezaubert und in die Mitte platziert. Nanosekunden später hält er, majestätisch auf dem Sitz thronend, ein wohl gefülltes Pintglas mit Guinness in der Hand.
„Ich bin froh“, so beginnt er, „dass ich so wohlbehalten hier vor euch sitze, meine Pint genießen und“, er schaut in die Runde und folgerichtig steht Paul neben ihm und reicht ihm eine seiner dampfenden Selbstgedrehten. Er nimmt einen tiefen Zug und fährt fort: „ein gutes Stück rauchen kann.“
Er macht eine wohldosierte Pause, nickt weise in die Runde und inhaliert noch einmal tief. Irgendwo im Raum poltert ein ausgefallenes Haar zu Boden, als er endlich die Stille durchbrach.
„Wenn ich es nicht am eigenen Leibe erfahren hätte, ich würde es kaum glauben.
Ihr wisst, dass ich oben aus Glenn Colmcille komme und an den Festivaltagen stehe ich bereits am frühen Morgen um halb Fünf auf, um gegen Neun den Bus in Donegal- Town nach Castlebar zu bekommen. Um diese Jahreszeit beginnt es im Osten bereits zu grauen, wenn ich mich gegen halb sechs auf den einsamen Straßen bewege. Nie habe ich jemals jemanden zu dieser Zeit auf meinem Weg getroffen. Ich war also nicht schlecht erstaunt, als er plötzlich in voller Größe vor mir stand.
„Hallo Pádraig“, sagte er, ‚bist du eigentlich noch immer so verrückt zu glauben, die Menschen würden sich für deine Geschichten interessieren? Viel besser hättest du daran getan im Bett zu bleiben, bis der herrliche Tag dir ins Zimmer leuchtet. Du bist noch immer auf der Suche nach deinem alten Land; du solltest begreifen, dass es das nicht mehr gibt. Du bist ein Fossil, das den Fortschritt leugnet; niemand möchte deine abgedroschenen Geschichten hören. Heute werden die Stories im Fernsehen erzählt, professionell und abgefahren, du bist ein alter Narr, Pádraig.
Ihr könnt mir glauben, dass ich mich überflüssig und elend fühlte. Er hatte ja so Recht. Ich selbst besuche mehrmals in der Woche eines unserer Pubs, oft fällt es dem Keeper kaum auf, wenn ich eintrete. Die Augen sind auf ein Pferderennen, Hurling oder eine der vielen Soaps konzentriert. Am Nachmittag sind die Blicke der wenigen Gäste auf die Mattscheibe fixiert. Es ist nicht selten, dass ich nicht einmal von meinen Freunden richtig wahrgenommen werde. Da ich ihm nichts entgegen setzen konnte, fragte ich ihn: „Wer bist du?“
In der Morgendämmerung erkannte ich, wie sich breites Grinsen durch sein Gesicht zog.
„Ich bin dein Teil von dem, das man landläufig den Teufel nennt.“ Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie grauenhaft Erschrecken sein kann. Mir gefror das Blut in den Adern und eisige Kälte umfasste meinen Körper. „Jesus Christus', rief ich, „nimm den Satan von mir.“
Der Teufel grinste breit:
„So einfach ist das nicht, so funktioniert es nur in schlechten Horrorfilmen; ich bin ein Teil von dir, den du nicht vertreiben kannst.
Mein Verstand begann fieberhaft zu arbeiten.
‚Das ist eine Halluzination' sagte ich mir. Ich schloss die Augen und dachte:
‚Du verträgst das frühe Aufstehen wirklich nicht.' Ich bereute schon, nicht einen Tag früher, zu einer irisch verträglichen Tageszeit angereist zu sein. Dann öffnete ich wieder die Augen, doch das Monster grinste mir noch immer frech ins Gesicht.
‚Ich sagte dir bereits, dass du mich so einfach nicht loswirst.' Ich musste es akzeptieren, ob ich wollte oder nicht. Der Teufel stand leibhaftig vor mir, und ich, ein guter Christ, musste mich mit ihm arrangieren. Doch dann verlor das Gesicht des Satans dieses erniedrigende Grinsen. Beinahe sanft vernahm ich seine Stimme.
‚Sei kein Narr, vergeude dein Talent nicht an dieses nichtsnutzige Volk. Deine Geschichten können Welten erobern, wenn du sie den Richtigen widmest. Die Meisten hier hören dir nicht mehr zu, wenn du deine Geschichten erzählst. Dein eigenes Weib glotzt in die Röhre und ergötzt sich am Denver Clan, während du versuchst, eine alte irische Geschichte zum Besten zu geben. Seit vierzig Jahren seid ihr zusammen und du glaubst, es wäre richtig so. Doch ins Geheim weißt du, dass etwas nicht stimmt. Das Fleisch deines Weibes ist so welk wie dein eigenes. Doch da gibt es die junge Witwe im Dorf, die dir an den Lippen hängt, wenn du deine Geschichten erzählst; du hast es längst bemerkt, aber deine Moral hat dir verboten, es zur Kenntnis zu nehmen, und doch träumst du heimlich von Ihr.'
Ich sackte zusammen wie ein Häufchen Elend, dieser Schelm hatte mich durchschaut. Doch aus diesem Elend heraus ergriff mich die Lust. Ich dachte an die prallen Formen dieses Weibes und ein wohliger Schauer ergriff Besitz von mir. Er hatte Recht, ich vergeude mein Talent an die vielen Ignoranten, doch dort unten wälzt sich eine schöne Frau im Bett und sehnt sich nach meinen Geschichten. Ich spürte Lust, die meinen Körper erbeben ließ. ‚Gehe hinunter', triumphierte der Teufel, du wirst ihr Lager für dich bereit finden; sie verzehrt sich nach deinen Geschichten, …. und nach dir.'
Mein Leib bebte vor Lust, doch dann hämmerte es in meinem Kopf:
‚Du alter Lüstling, was willst du von diesem jungen Weib, in zehn Jahren bist du wirklich ein alter Mann, vielleicht gebrechlich. Eventuell bist du so schwach, dass du nicht einmal mehr eine Geschichte erzählen kannst. Sie wird immer noch vor Lust nach Männern sein, doch du kannst ihr das nicht mehr geben. Glaubst du wirklich, diese Frau wäre dann noch für dich da?“
Der Teufel, er kannte diese Gedanken, und hakte ein:
„Allein der Augenblick ist, was zählt. Möchtest du wirklich die nächsten zehn Jahre öde leben, damit du den Rest deines Daseins gleichermaßen öde verbringen kannst? Ich kann dir nur raten, schöpfe diese zehn Jahre, erfüllt mit Lust und Freude, und pfeife auf das Danach. Vielleicht sind es sogar zwanzig, kein Mensch weiß das. Du hättest noch so viel Zeit.'
‚Nein', sagte ich, ‚das Risiko ist zu hoch. Ich gebe mich heute der Lust hin, und morgen bin ich ein Pflegefall. Ich muss dem verlockenden Angebot widerstehen und mich daran erfreuen, dass ich die Möglichkeit hätte, wenn ich wollte.“
Jetzt wurde der Teufel wütend und zeigte sein wahres Gesicht;
„Du alter verkalkter Narr', brüllte er, ‚du weißt nicht, was Gut für dich ist. Gehe hinunter und erzähle dem nichtsnutzigen Volk deine Geschichten. Blamiere dich, wenn du versuchst gegen das Geplärre der Fernseher anzureden. Nur eines sage ich dir: Wenn du es nicht schaffst, bis heute um Mitternacht in einem einzigen Pub die Fernseher abschalten zu lassen, wirst du diesen Tag nicht überleben. Entscheide dich jetzt. Entweder gehst du hinunter zu dieser jungen Frau und holst dir Vergnügen und Lust auf unabsehbare Zeit, oder du gehst hinunter auf deine armselige Bühne und wirst gegen Mitternacht deinen letzten Atem pusten, wenn es dir nicht gelingt, das dekadente Volk auf deine Seite zu ziehen.'
Da ich Ultimaten hasse, entschloss ich mich, auf die Freuden der Wollust zu verzichten und mein Heil in den Schoß der Musen zu legen. Ich sagte zum Teufel:
‚Ich werde den Ort finden, an dem man den Fernseher abschaltet und meinen Geschichten zuhört. Packe dich, du Ungeheuer, und lasse dich erst wieder blicken, wenn ich deine Bedingung nicht erfüllt habe. Ansonsten lasse dich nie wieder bei mir blicken, weder zu Lebzeiten noch am Tage meines Todes.' Der Teufel hatte nun keine Macht mehr über mich und mit einem fürchterlichen Fluchen verschwand er. Ich hörte ihn nur noch fauchen: ‚Ich sehe dich um Mitternacht.'
Ich war wieder allein und in mir stieg ein Zweifel auf, stärker als zuvor. Ich fürchtete, mich falsch entschieden zu haben. Alles, was sich auf dem Weg ereignete, nährte meinen Zweifel. Ich stellte fest, dass wirklich niemand mehr alte Geschichten hören wollte, überall dröhnte ein Fernseher und allein der Versuch in Donegal- Town mit einem Pubbesucher ein Gespräch anzufangen, endete mit einem Psst, ruhig. Dann erinnerte ich mich an Kiltimagh, an dieses Pub hier, dort, wo man mir vor einem Jahr so andächtig zugehört hatte. Ich betete zu Gott, dass sich die Zeiten hier nicht innerhalb eines Jahres völlig auf den Kopf gestellt haben. Ich nahm den Bus in Donegal, und in Castlebar hat mich ein alter Freund abgeholt. Ich habe in keinem Pub mehr eine Geschichte erzählt und bin direkt hierher zu euch gekommen. Ich danke Gott, dass sich bei euch das Rad der Zeit nicht so schnell gedreht hat, und ich danke euch, dass ihr mir so aufmerksam zugehört habt. Jetzt weiß ich, dass der Teufel sich hier im Ort die Zähne ausbeißen wird.“
In ihren Augenwinkeln kann Saoirse sehen, wie Paul heimlich einen tragbaren Fernseher unter die Theke verschwinden lässt.
Donnernder Applaus erfüllt den Raum. Die Leute drängen sich um Pádraig und klopfen ihm auf die Schulter. Saoirse aber ist in Gedanken versunken; sie denkt über diese Geschichte nach. Ein lautes Getöse erfüllt den Raum, doch ihr geht es nur durch den Kopf: ‚Ist er seinem Herzen gefolgt? Der Lust hat er widerstanden, aber war es nicht der Verstand, der das bewirkte?'
Máire stößt ihr in die Rippen und sagt:
„Sei nicht so trübsinnig, wir haben eine Menge Craic hier und die Geschichte des Erzählers war wieder einmal meisterhaft.“
„Glaubst du, fragt Saoirse, „dass es nur eine Geschichte war?“ „Aber selbstverständlich“, lacht Máire, „meinst du, er wäre dem Teufel leibhaftig begegnet?“
Sie zieht mit den Fingern die Augen lang, spreizt mit den Daumen ihren Mund und ruft:
„Buaah“

Es sieht so komisch aus, dass Saoirse unvermittelt lachen muss. Beide kichern sie albern. Sie plaudern lustig, bzw. Saoirse muss nichts sagen, Máire hat ihrer neuen Freundin so viel zu erzählen, dass für Saoirse keine Zeit bleibt, etwas von sich zu sagen. Sie trinken noch einige 7Up und schneller, als es Saoirse lieb ist, zeigt die Uhr Dreiundzwanzig. Bald muss sie sich auf den Weg zur Kirche machen; dann betritt der Junge aus dem Imbiss das Pub. Seine Augen durchschweifen das Lokal, und sie bleiben bei ihr hängen. Er lächelt sie an und nickt. Saoirse fühlt das Blut in ihren Kopf steigen; Sie glaubt, sie müsse sterben, als er auf sie zukommt. „Hi Seán“, ruft Máire ihm entgegen, „auf der Pirsch?“
Saoirse meint zu erkennen, dass Seáns Gesicht etwas rot wird. Mit einem verlegenen Lächeln zu Saoirse sagt er: „Schön, dich wieder zu sehen“, dann wendet er sich scheinbar desinteressiert einigen albernden Jungen zu; doch sein Blick wandert immer wieder zu Saoirse. Sie fühlt sich unwohl in ihrer Haut und ist jetzt beinahe froh, dass sie bald fort muss. Máire raunt ihr halblaut zu: „Ein süßer Junge, leider ist er jedem Rock hinterher, sieh dich vor.
Das Gesagte entsetzt Saoirse, und ein nie gekanntes, schmerzliches Gefühl steigt in ihr auf. Hastig erhebt sie sich und sagt: „Ich muss jetzt gehen, man wartet auf mich.“
Máire blickt sie verwundert an:
„Es ist aber noch mehr als eine halbe Stunde bis Mitternacht.“
„Ich weiß“, sagt Saoirse, „aber vielleicht kommt mein Vater früher.“
Máire steht auf, umarmt Saoirse und küsst ihr auf den Mund.
„Sehen wir uns morgen?“, fragt sie, eine alte Geschichtenerzählerin wird hier berichten. Sie soll schon ein paar Hundert Jahre alt sein. Man sagt, sie habe das Gesicht.“
„Aber klar“ lächelt Saoirse, „ich bin morgen zur gleichen Zeit hier. Ich würde mich freuen, dich zu treffen.“
Noch einmal umarmen sich die Beiden, dann stürmt sie aus dem Pub; im Rücken spürt sie Seáns Blick. Die Straßen sind noch voller Menschen und Saoirse hastet auf das Dorf Ende zu. Zwanzig Minuten vor Mitternacht steht sie vor der verlassenen Kirche. Tatsächlich erscheint Vaters Auto bereits ein Viertel vor Mitternacht.
Obwohl Saoirses Kopf von all den neuen Eindrücken schwirrt, fällt sie Zuhause bald in einen tiefen Schlaf. In ihrem Traum kommen Pádraig und der Teufel vor; als sie im hellen Sonnenlicht erwacht, kann sie sich aber an nichts mehr erinnern. Am Mittag schlendert Saoirse wieder die Straße ins Dorf hoch. Sie begegnet zwar ein paar Leuten, aber niemanden, an den sie sich von gestern erinnern könnte. Sie ist erleichtert, als sie die Burger Stube geschlossen sieht. Überhaupt sind heute nicht so viele Menschen auf der Straße wie gestern. Vor dem Joices stehen heute keine Jugendlichen, obwohl das Pub geöffnet zu sein scheint; sie traut sich aber nicht, allein hinein zu gehen. Sie schlendert vorbei und auf den Dorfausgang zu, bis sich die Straße gabelt. Sie entschließt sich, rechts über die kleine Brücke zu gehen, weil sie hier auch mit ihren Brüdern noch nie entlang gekommen ist. Sie kommt an ein Denkmal, an dem die Straße sich noch einmal verzweigt. Sie entscheidet sich wieder für rechts, eine schmale Straße. Nur sehr verstreut stehen hier noch einzelne Häuser. Saoirse spürt in ihrem Herzen ein tiefes Glück; sie ist wirklich ganz allein und niemand weiß, wo sie ist. Diese Freiheit hat sie in ihrem kurzen Leben noch nie empfunden, die warme Sonne dieses Augusttages verstärkt die Erhebung dieses Gefühls. 'Wahrscheinlich ist es noch zu früh für Trubel im Dorf', denkt sie.
Das ist auch gut so, denn die Empfindungen dieser Augenblicke wären ihr für heute verborgen geblieben. Sie kommt an ein altes, verlassenes Haus und dahinter muss sie sich wieder für einen Weg entscheiden. Hier ergreift sie Furcht, sich zu verlaufen und sie schaut den Weg zurück. Im Fernen sieht sie die vertraute Hügelkette quer zu ihrer Richtung laufen. Rechts in der Ferne ist der große Neeven klar und deutlich zu erkennen. Dieses Bild ist ihr vertraut und sie weiß nun, dass sie sich nicht verlaufen wird. Sie setzt ihren Weg fort, stapft forsch die kleine Steigung hoch und verweilt von Zeit zu Zeit, um den Blick in die weite Ferne nach Süden zu genießen. Sie versucht sich genau zu orientieren und findet heraus, dass die Strasse, die sie eine halbe Meile südlich sieht, die nach Kilkelly sein müsste. Sie fühlt den Stolz des Nomadenmädchens: Den Tinkern ist die Kunst zur Orientierung in die Wiege gelegt, so sagt man. Viel selbstbewusster schreitet sie voran und ist auch nicht mehr beunruhigt, als die Strasse sich eine Weile forsch verschlängelt. Vor ihr liegt eine melancholische Landschaft, ein Tal, ein Flüsschen. Saoirse weiß, dass es die Glore ist, in den sich gelegentlich sogar die Lachse verirren, die über die Killala Bay den River Moy hochschießen und von dort hierher gelangen. Andächtig schreitet sie hinunter in das Tal. Saoirse liebt die Glore, die keine Lobby hat, und doch durchströmt sie die schönsten Landschaften in Mayo.
Unten überquert gerade ein Auto die Glorebrücke und ist bald bei Saoirse; es hält neben ihr.
“Hi, Saoirse“, sagt das Mädchen vom Rücksitz, „möchtest du nicht die Geschichten der Erzählerin heute Nachmittag hören? In etwa einer halben Stunde beginnt sie.“
„Hello Máire“, antwortet die Spaziergängerin ihrer Freundin, „ich war dort, es war noch nichts los.“
„Das ändert sich sehr rasch hier“, ruft Máire durch das Autofenster, „wir können sie mit hinunter in die Stadt nehmen, nicht wahr, Collin?“
Der Fahrer antwortet: „Kein Problem!“
„Macht es wirklich keine Umstände?“, fragt Saoirse.
„Blödsinn“, sagt Máire, „steig ein, wir werden denselben Craic haben wie gestern.“
Saoirse steigt in das Auto, und wenige Minuten später halten sie vor dem Joices.
Collin sagt: „Meine Damen, hier ist die Vorstellung.“ Die Mädchen steigen aus.
„Ich suche noch einen Platz für das Auto und bin gleich bei euch.“
Máire zieht Saoirse ins Pub und sagt beiläufig:
„Collin ist süß, trinkt aber ein bisschen viel, manchmal. Komm! Vorstellen brauche ich dich ja nicht mehr.“
Das Joices ist noch praller gefüllt als gestern. Wie das Rauschen eines Orkans schlägt den Beiden das Gewirr der Stimmen entgegen. Niemand überlässt ihnen heute seinen Platz. Erhaben ragt der leere Thron der Erzähler in der Mitte des Raumes; niemand wagt es, sich seiner zu bemächtigen. Saoirses Blick durchstöbert den Raum nach dem Einen, doch er ist nicht hier. Obwohl sie erleichtert ist, spürt sie eine Enttäuschung, eine von jener Art, wie sie ein Ereignis hervorruft, das man fürchtet, worauf man sich aber gründlich vorbereitet hat, das dann aber nicht eintritt. Saoirse lässt sich nichts anmerken, und plötzlich verstummt das Geschwätz und lauter Applaus erfüllt mit einem Mal die ruhige Atmosphäre. Von der Tür, die zu den Hinterräumen führt, bahnt sich einen Weg bis zum Stuhl der Erzähler. Jetzt erblicken die Mädchen die alte Frau in den weiten bunten Festtagskleidern der Tinker. Aufgeregt stößt Máire Saoirse den Ellenbogen in die Seite und ruft:
"Das ist sie!"
Saoirse ist wie versteinert.
Die Alte Maisa besteigt den Thron, blickt Saoirse einen Augenblick unvermittelt in die Augen und legt den Finger des Schweigens auf ihre Lippen. Langsam löst sich die Spannung in Saoirses Körper um Glück und Geborgenheit den Platz zu überlassen. Sie sind jetzt Verschworene hier, sie und die Alte Maisa. Werde ich die Geschichte kennen?', fragt sie sich.
„Wie ihr alle wisst“, beginnt die Alte, „bin ich schon viele hundert Jahre alt.; und ich möchte über ein Ereignis erzählen, das ich vor langer Zeit in Cill Aodain erlebt habe, lange bevor der lokale Dichter Raftery seine unvergesslichen Verse dort geschrieben hat. Ich war seinerzeit noch eine junge Frau. Die heutige Bohola Road war noch keine richtige Straße und selbst die Nationalstraße 5 war ein Weg, den kaum zwei Planwagen nebeneinander befahren konnten. Die Stadt Kiltimagh, wie ihr sie heute kennt, gab es noch nicht, aber die Ansammlung an Häusern, die Tatsache, dass es hier bereits eine Taverne und eine Kirche gab, war ein sicheres Zeichen, dass hier einmal eine Stadt entstehen würde. Wir haben damals unseren Wagen nicht unweit von der Stelle abgestellt, wo heute die drei Pubs von Bohola ihr Dasein fristen. Ich hatte auch zu jener Zeit schon das Gesicht und machte mich mit einem Rückenkorb voller Salz und einigen Stoffballen sowie meiner Kunst auf den Weg nach Kiltimagh, um den Menschen dort dieses feilzubieten. Der Weg von Bohola nach Kiltimagh war eine Strecke, für die man seinerzeit einen halben Vormittag brauchte. Ich machte mich gegen drei am Nachmittag auf den Weg, denn die Dinge der Wahrsagung offenbaren sich selten vor dem Einbruch der Dunkelheit. Um diese Jahreszeit dämmerte es bereits gegen fünf.
Auf dem Weg nach Kiltimagh passierte man Cill Aodain. Dort gab es seinerzeit etwas abseits vom Weg auf der linken Hand ein Stroh gedecktes Cottage, von dem man sagte, dass es nicht ganz geheuer sei. Den Begriff haunted house mochte niemand in den Mund nehmen, denn es war noch von einer alten Frau und ihrer Urenkelin bewohnt. Die Alte war seit über zehn Jahren nicht mehr in Kiltimagh gewesen, da sie aufgrund einer Arthritis nicht mehr gut sehen konnte, und einen Ochsenkarren oder gar ein Pferdegespann konnten sie sich nicht leisten. Alles, was sie zu ihrem kargen Leben benötigten, erwirtschafteten sie auf ihrem felsigen Boden; vier Ziegen und ein paar Hühner sorgten sowohl für gelegentliche Abwechslung, als auch für das notwendige Tauschgut, um die wenigen lebenswichtigen Dinge zu besorgen, die man selbst nicht herstellen konnte. Dreimal in der Woche machte sich die mittlerweile zwanzigjährige Urenkelin mit einem kleinen Handkarren auf den Weg, um Eier und Ziegenkäse auf dem Markt in Kiltimagh feilzubieten. Bisher wäre eigentlich noch nichts ungewöhnlich, weil zu jener Zeit viele Existenzen im Umfeld des Dorfes in ähnlicher Weise gefristet wurden. Was die Menschen im Dorf munkeln ließ, waren ein paar merkwürdige Umstände und Begebenheiten, die sie in ihrer eigenen Dorfwelt nicht einzuordnen wussten.
Die Alte war noch nie sehr gesprächig gewesen, aber seit sie nicht mehr selbst nach Kiltimagh kam, haben sie kaum mehr als ein halbes Duzend Dörfler bei ihrem Haus gesehen, geschweige denn gesprochen. Die Urenkelin hat nie jemals einer ein Sterbenswörtchen sagen hören, denn das Mädchen war seit dem frühen Tod ihrer Mutter stumm, bevor die Kleine die ersten Worte sprechen konnte. Man brachte es in Zusammenhang mit diesem Ereignis, denn das Mädchen konnte zwar nicht sprechen, war aber keineswegs taub. Die Umstände zum Tode der Mutter wurden nie richtig bekannt, weil es aber für das Kind keinen Vater gab, sprachen die Menschen von einem Fluch, der die sündige Mutter und ihren Bastard getroffen habe. Was das mystische um dieses kleine Cottage in Cill Aodain noch vervollständigte, war eine Beobachtung eines Farmers und seiner Frau, die mit ihrem Ochsenkarren auf dem Weg von Bohola nach Kiltimagh waren, in der Nacht zu Allerheiligen. Als sie in Cill Aodain halb verschlafen den kleinen Pfad zum Cottage passierten, bemerkten sie ein helles, unnatürliches Licht von diesem ausgehen, so wie es heute etwa ein Solarium oder ein Computer werfen würde, nur wesentlich heller. Es leuchtete mit einer derartigen Unverschämtheit, dass es den Coilte Weg über weite Strecken ausleuchtete und die Farben der Natur so veränderte, dass sie glaubten, die Hölle selbst zu durchreisen. Sie können sich vorstellen, dass ihnen das Herz fast stillstand, denn eine derartige Lichtfarbe war seinerzeit noch nicht bekannt. Wie froh waren sie, als sie endlich wieder in die schützende Hülle der Dunkelheit eintauchen konnten. Ihre Neugier über die Quelle dieses schrecklichen Lichts war nicht groß, denn sie trieben ihren Ochsen an, als wäre der Satan persönlich hinter ihnen her. Noch in derselben Nacht verbreitete sich dieses Ereignis im gesamten Dorf, und man sprach seither über nichts anderes, wann immer jemand nur den Ort Cill Aodain erwähnte. Als das Mädchen das erste Mal nach diesem Ereignis ihre Ware auf dem Markt feilbot, mochte niemand mit ihr tauschen. Das traurige Mädchen wollte bereits unverrichteter Dinge den Heimweg antreten, als ein etwa fünfzig Jahre alter Mann mit feuerroten Haaren an den Wagen des Mädchens trat. Im Dorf nannte man ihn nur den gottlosen Tom. Er wohnte allein hoch oben in den Bergen und niemand wusste so recht, was er machte; man ging ihm aus dem Weg. Die Mütter legten schützend die Arme um ihre Kinder, wann immer er ihnen begegnete. Doch Tom hatte niemals jemandem etwas getan; allein die Tatsache, dass er nicht gerne sprach und auch niemals in der Kirche gesehen wurde, machte ihm den Menschen unheimlich.
„Ich nehme alles, was du mit dir führst“, sagte Tom, „ich kann es nur nicht nach Hause tragen. Wenn Du mich mit deinem Wagen begleitest, werde ich dir geben, was du benötigst, ich habe alles im Hause.
Das Mädchen nickte, und so machten sie sich beide auf den Weg in die Berge. Sie können sich vorstellen, dass dieses dem Gerede neue Nahrung gab. Die Dörfler fürchteten, dass sich etwas Schreckliches um dieses Dorf zusammenbraute; denn sie sahen in diesem Ereignis die Verbindung des Bösen. Als man das Mädchen später glücklich mit einem vollen Wagen Stoffe, Salz, Mehl und viele andere Waren durch das Dorf in Richtung Cill Aodain ziehen sah, fand man sich einmal mehr als üblich am Tage in der Kirche zusammen, um gegen das aufkeimende Böse zu beten. Bald fand man Beten allein nicht mehr für ausreichend und der Gedanke an einen Kreuzzug gegen das Böse wurde nun nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen. In der darauffolgenden Zeit stieg der gottlose Tom immer häufiger von seinen Bergen herunter und besuchte die alte Frau und ihre Tochter in Cill Aodain. Bald sah man ihn und das Mädchen Hand in Hand auf dem Coilte – Weg oder in den Bergen spazieren. Wenn nun das Mädchen mit dem Handwagen ins Dorf hinunterging, brachte sie nicht mehr wie früher Ihre Ware auf den Markt, sondern zog ihn bis ans Dorfende und dann in die Berge. Oft sah man sie erst am nächsten Tag mit Tauschgut wieder in die entgegengesetzte Richtung laufen. Der gottlose Tom und das Mädchen haben ein sündiges Verhältnis, sagte man und es bestand kein Zweifel, dass Gott die beiden strafen würde, wie seinerzeit die Mutter des Mädchens; ein neuerliches Unglück solle die zwei und die Alte, die dieses schließlich dulde, heimsuchen.
Dann schlug das Schicksal zu; das Unglück ereilte das Mädchen in ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr; ein Schicksalsschlag, der das ganze Dorf in ein beschämtes Schweigen hüllte, der viele Augen mit Tränen füllte, Augen, die vor noch gar nicht so langer Zeit das Mädchen am liebsten unter dem Fluch Gottes erschlagen gesehen hätten.
Hier macht die alte Maisa eine lange Pause. Das Schweigen im Pub ist dick wie eine kalte Mehlsoße. Sie blickt in die Runde und schaut in manch betreten gespannte Gesicht, dann setzt sie ihre Erzählung fort.
„Als ich dazu kam, war es bereits zu spät. Obwohl ich schon damals etliche medizinische Künste beherrschte, konnte ich dem Mädchen nur noch meinen Schoß anbieten und segnen, bevor seine Seele den Körper für immer verließ und seine Leiden beendete. Ihre Kleider waren zerfetzt und blutdurchtränkt. Ich hüllte den zerschundenen Leib in eines meiner Tuchballen, um die klaffenden Wunden ihres Körpers zu bedecken. Ein sechsjähriger Junge und seine ein Jahr ältere Schwester saßen verstört weinend am Wegrand. Nur mühsam konnte ich aus ihren weinend erzählten Bruchstücken, immer wieder durch krampfartige Schreie unterbrochen, das folgende Geschehen rekonstruieren, während ich ihre verhältnismäßig leichten Verletzungen verband. Die Kinder hatten am Nachmittag in den Feldern gespielt und waren beim Einbrechen der Dunkelheit auf dem Weg zurück ins Dorf. Plötzlich tauchten aus dem Nichts zwei große schwarze Hunde auf und fielen ohne einen Laut von sich zu geben über das Geschwisterpärchen her. In dem Moment, als die Kinder zu Boden geworfen wurden, kam das stumme Mädchen, das mit seinem Handwagen auf dem Weg nach Cill Aodain war, laut schreiend um die nahe Wegbiegung gerannt. Seinen Handwagen hatte es zurückgelassen, denn sie hatte die tödliche Gefahr gespürt, als sie die Schmerzensrufe der Kinder hörte. Mit bloßen Händen stürzte sie sich auf die schwarze Bestie, die über dem Jungen war. Als sie ihn mit all ihren Kräften an den Ohren riss, ließ sie von dem Jungen ab und fiel über das tapfere Mädchen her. Auf dem Boden liegend kämpfte es wie besessen mit dem übermächtigen Gegner. Das zweite Biest ließ nun ebenfalls von dem Kind ab und stürzte sich auf das Mädchen. Die schwarzen Teufel bissen sich in einen unstillbaren Blutrausch. Dann hörten die Geschwister das stumme Mädchen die einzigen Worte rufen, die je einem Menschen zu Ohren gekommen waren: ‚Lauft, Kinder, lauft, so schnell ihr könnt!'
Die Hunde hatten bereits von ihrem sterbenden Opfer abgelassen, als ich hinzukam“, sagt die Geschichtenerzählerin. Dann fährt sie fort: „Ich holte den Handwagen der verstorbenen Heldin und fuhr sie den kurzen Weg nach Cill Aodain; das Mädchen wäre fast zuhause gewesen. Die beiden, immer noch verstörten Kinder, begleiteten uns. Als die alte Frau ihre getötete Urenkelin erblickte, war sie sehr gefasst. ‚Es ist was prophezeit worden', sagte sie, ‚in der Nacht zu Allerheiligen ist ihre Mutter zurückgekommen; wir haben sie beide gesehen. Sie teilte uns mit, dass Saoirse ihren Vater, der in den Bergen von Kiltimagh lebe, treffen würde. Sie sollten eine kurze, glückliche Zeit miteinander verbringen, bevor ein Ereignis, welches das ganze Dorf in tiefe Trauer stürzen sollte, Saoirse für immer zu ihr bringen würde. Die ersten Worte, die sie jemals sprechen sollte, würden gleichzeitig auch ihre letzten sein.
Die alte Maisa macht eine kurze Pause, schaut mit ihren klugen Augen in die Runde und fährt fort:
„Hier endet die Geschichte des Mädchens, das ihrem Herzen folgte, selbst wenn es sie in den Tod führte. Mit ihrer mutigen Tat hat es die Herzen der Menschen gewonnen, deren Unverständnis und Unwissenheit diesen Menschen bereits verurteilt hatten. Nun, schließt die Alte ihre Erzählung mit einem Augenzwinkern, „die Menschen in Kiltimagh haben aus diesen Vorfällen natürlich ihre Lektion gelernt. Nie wieder ist mir anschließend zu Ohren gekommen, dass die Menschen hier in dieser Stadt jemals einem Menschen übel nachgeredet hätten, bevor sie nicht in sein Herz geschaut haben. In unserer Sippe aber benennen wir in jeder Generation ein Mädchen nach der stummen Heldin, die, so schwierig es auch sein mochte, immer nur ihrem Herzen gefolgt ist.“
Saoirse ist sehr betroffen, ihr wurde es mit einem Mal bewusst, dass die alte Maisa diese Geschichte ihr allein erzählt hat; die Übrigen im Pub waren Kulisse. Sie nahm den begeisterten Applaus, der nach einer kurzen Pause aufbrandete, kaum wahr. Immer wieder gingen ihr die Worte der alten Maisa durch den Kopf: ‚Der Ruf des Herzens ertönt weniger als ein Tausendstel des Kopfes und ein Zehntausendstel der Lust.' Danach ist alles, was sie jetzt denkt, tausend Mal stärker als ihr Herz zu rufen vermag, musste sie es nicht zwangsläufig überhören?
Diese und andere Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Die stumme Heldin, ihre Namensvetterin, kehrten zurück; hätte sie sich so mutig auf diese schwarze Bestie gestürzt? Allein die Vorstellung eines derart blutrünstigen Monsters ließ sie von Grund an erschauern und sie musste sich schmerzhaft eingestehen, dass sie einen derartigen Mut nicht aufgebracht hätte. Sie fühlt Trauer und Scham; überschätzt die alte Maisa nicht ihre Möglichkeiten?
Ohne das Saoirse ihr Annähern bemerkt hätte, hört sie die Stimme der Alten zu ihr sagen:
„Bedenke, dass der gewaltige Ozean aus vielen kleinen Tropfen besteht. Nicht wenige große Dinge machen ein Leben, sondern die vielen Kleinen; sei also nicht zu streng zu dir selbst.“
Die Alte scheint also wieder ihre Gedanken erraten zu haben; mit einem Lächeln wendet sie sich ab und verlässt das Pub; viele Augen folgen ihr.
„Was hat sie dir gesagt?“, fragt Máire neugierig und beinahe etwas neidisch. Saoirse wiederholt nur das mit dem Ozean.
„Sie ist wohl sehr weise“, nickt Máire anerkennend, „ob sie wirklich mehrere hundert Jahre alt ist?“
„Worauf du dich verlassen kannst“, sagt Saoirse selbstsicher. Die Worte der Alten haben ihr gut getan und die Selbstzweifel sind von ihr gewichen.
Es kamen noch zwei Erzähler an diesem Abend, aber ihre Geschichten sind banal. Der Beifall ist dennoch auch eher höflich als begeistert. Aus Gesprächsfetzen fängt Saoirse auf, dass die Menschen hier noch immer mit dem Schicksal des stummen Mädchens beschäftigt sind. Man erwägt, ob sich ein derartiges Ereignis tatsächlich vor langer Zeit in Cill Aodain abgespielt haben könnte; die Meinungen gehen auseinander. Ob wahr oder nicht, die Menschen hier scheint es zu beschäftigen.
Dann sieht Saoirse Sean aus einer Gruppe Jungen heraustreten; sie hatte ihn gar nicht bemerkt. Er arbeitet sich durch die dichtgedrängten Leiber und kommt direkt auf sie zu. Die Knie werden ihr weich, ein Gefühl, das sie bisher noch nicht kannte; am liebsten würde sie auf der Stelle verschwinden; dann ist er bei ihr.
„Ist dein Name nicht auch Saoirse?“ Sie fühlt das Blut ins Gesicht steigen, verlegen nickt sie.
„Und stumm wie unsere Heldin“, neckt er.
„Verpiss dich“, sagt Máire, „hier ist nichts zu holen, ich habe die Kleine über dich aufgeklärt.“
„Könntest du dich zur Abwechslung einmal um Deine eigenen Angelegenheiten kümmern“, reagiert Seán etwas verärgert.
„Klein-Mädchen-Getratsche, höre nicht auf sie,“ sagt er zu Saoirse gewandt.
„Ich weiß, dass ich einen schlechten Ruf habe; aber es stört mich nicht, solange man mir nicht in die Quere kommt.“
„Saoirse steht unter meinem Schutz, also komme ich dir in die Quere“, erwidert Máire unbeirrt. Sean achtet nicht auf sie.
„Ich möchte mich mit dir verabreden“, sagt er zu Saoirse. Diese fasst all ihren Mut zusammen und hört sich sagen:
„Bist du nächsten Samstag im Imbiss?“
„Nächsten Samstag?“, fragt er leicht irritiert, „das ist ja noch fast eine Woche; ich bin zur Zeit jeden Tag ab Eins dort, außer Sonntags.“
„Nächsten Samstag“, beharrt Saoirse, „dann kannst du mir einen Vorschlag machen.“
„Also gut, am Samstag bei mir.“ Er schenkt ihr ein Lächeln und verlässt unmittelbar das Pub, worüber Saoirse froh ist, denn sie hatte ihren gesamten Mut für diese Verabredung zusammen genommen. Ihn jetzt noch einmal anzuschauen hätte sie nicht durchgestanden.
„Ich kann dich nur warnen“, sagt Máire offensichtlich besorgt, „du weißt noch lange nicht alles über ihn, er spielt den Mädchen ziemlich übel mit. Die ihn nicht kennen, sind verrückt nach ihm; er sieht gut aus, deshalb erkennen sie nicht seinen miesen Charakter. Er hat immer mehrere Freundinnen gleichzeitig, in Dublin, wo er studiert, hier, in dieser Umgebung. In Balla hat er einem Mädchen ganz übel mitgespielt.“
„Hör auf“, sagt Saoirse irritiert, „ich möchte mir selbst ein Bild machen, es wird soviel geredet.“
„Du bist nahe davor, auf ihn reinzufallen, du wirst nicht glücklich mit ihm; wenn er dich gehabt hat, lässt er dich fallen wie Unrat.“

„Wenn“, erwidert Saoirse, „ich möchte jetzt nicht mehr darüber sprechen. Oh, im Übrigen ist es bereits zwanzig Minuten vor Eins, ich muss mich beeilen.“ Sie küsst Máire links und rechts auf die Wange und verabschiedet sich:
„Vielen Dank für deine Gesellschaft, wir sehen uns in der nächsten Woche.“ Sie wendet sich zur Tür und geht. Als sie zur Kirche kommt, erwartet der Vater sie bereits.
Die Woche wird für Saoirse unerträglich lang. Ungeduldig sehnt sie den Samstag herbei, obwohl ein kleiner Stachel an der Seele kratzt. Die Saat des Misstrauens ist gelegt, die Frage ist nur, ob sie aufgeht. Das Verlangen, Sean wiederzusehen aber ist stärker, und sie drängt den leichten Bittergeschmack in den Hintergrund.

Endlich ist es wieder Samstag und Saoirses Erwartung ist ungetrübt. Niemand hatte sie bisher nach ihren Erlebnissen gefragt, nicht aus Desinteresse; vielmehr wollte man ihr die Gelegenheit lassen, alles unbeeinflusst zu verarbeiten. Wenn sie Rat braucht, würde sie sich an die Eltern wenden, oder die Maisa, das wusste man. Jetzt aber, als Saoirse dem Vater einen Kuss gibt und aussteigen will, fragt er mit einem Lächeln:
„Hast Du ein Rendezvous?“ Sie errötet, als sie sagt:
„Ich weiß nicht, ich glaube, ja.“
„Tue nur, was du selbst willst, wenn du Zweifel hast, lasse es lieber.“
„Ja, Dad“, sagt sie, „Danke.“ Sie drückt ihm noch einen Kuss auf die Wange und steigt aus.
Jetzt ist es soweit und wieder spürt sie Butter in den Knien. Auf den Straßen ist normale Geschäftigkeit, die Hausfrauen kaufen ein, Trecker durchqueren den Ort und Männer in Arbeitskleidern überqueren die Straße und gehen zum Lunch in den Coffee Shop oder in Cill Aodain `s Hotel. Einige junge Burschen grüßen sie mit „Wie geht's, Saoirse?“, es kennen sie anscheinend mehr Leute hier, als ihr bewusst ist. Es ist eine unangenehme Tatsache, dass die Leute sich den Namen eines Fremden recht einfach merken können. Es ist aber in solch kurzer Zeit kaum möglich, im Gegenzug alle Leute wieder zu erkennen. Die Menschen wissen das im Allgemeinen, es bleibt aber das Gefühl, dass man einen namentlichen Gruß hätte erwidern müssen. Man fühlt sich permanent in der Defensive.
Als Saoirse den Burger Imbiss erreicht, bleibt sie einen Moment unentschlossen vor dem Fenster stehen und schaut hinein. Sean hat sie bereits erblickt und kommt mit einem freudigen Lachen zur Tür geeilt. Saoirse findet, er sieht in seiner weißen Schürze sehr hübsch aus.
„Komm herein“, lächelt er und reicht ihr seine Hand. Sie ergreift sie und folgt ihm in den hinteren Raum.
„Schön, dass du so früh bist, um diese Zeit ist noch nicht so viel zu tun, da können wir ein wenig reden“, und beinahe beiläufig schiebt er nach: „ich habe mich auf dich gefreut.“ Sie fühlt sich erröten, als sie sagt:
„Ich auch.“ Dann wird sein Gesicht ernst, als er sagt:
„Deine Freundin war in dieser Woche zweimal hier, um mir nahe zu legen, dich in Ruhe zu lassen. Was hat sie dir über mich erzählt?“
Nach einer kurzen Pause antwortet Saoirse:
„Nichts, wirklich, ich wollte nichts wissen.“
„Du solltest auch nicht alles glauben, es wird viel geredet hier.“
„Ich nehme an“, sagt Saoirse, „wenn es etwas Wichtiges über dich zu sagen gibt, wirst du es mir selbst erzählen. Im Übrigen bist du mir auch keine Rechenschaft schuldig, wir kennen uns kaum.“
„Schön, dass du es so siehst“, erwidert Sèan, „ich möchte aber dennoch, dass du die Wahrheit kennst, und nicht das, was über mich geredet wird.“ Saoirse macht eine abwehrende Geste:
„Ich lasse mir nichts erzählen; wollen wir uns doch zunächst weiter kennen lernen, bevor du dich verteidigst, obwohl ich dich nicht angreife. Ich möchte mein Gemüt durch keine übereilten Geständnisse getrübt wissen. Ich will dich mit meinen eigenen Augen sehen, nicht mit deinen oder den eines anderen.“ Seans Züge hellen sich wieder auf:
„Danke, das ist fair genug; in deinen Augen bin ich also wieder unschuldig wie ein Kind, das ist eine Chance, wie ich sie lange nicht mehr hatte.“
Als drei Kinder von der Straße hereinkommen, küsst er Saoirse auf den Mund und sagt:
„“Ich habe bis acht hier zu tun, lass uns doch im Raftery Room weiterreden, ich komme anschließend sofort hinüber.“
„Einverstanden“, sagt sie lächelnd, „aber keine Beichten. Ich habe gehört, du studierst in Dublin, darüber würde ich gerne mehr erfahren.“
„Okay“, sagt er, „also dann, heute Abend.“
Das Mädchen verlässt das Lokal ohne sich noch einmal umzudrehen; jetzt hat sie wirklich etwas, was man Rendezvous nennen könnte. Da sie bis dahin noch viel Zeit hat, entschließt sie sich, den Weg der stummen Heldin nach Cill Aodain zu gehen. Sie hat noch oft über die Geschichte der alten Maisa nachgedacht und die Heldentat ihrer Namensvetterin ist fest in ihr Gedächtnis gemeißelt. Sie will sich ein Bild von dem Ort machen, an dem das Cottage der Alten und ihrer stummen Urenkelin stand. Sie möchte auch die Wegbiegung umlaufen, um die das stumme Mädchen gerannt ist, um das Geschwisterpärchen aus den Klauen der streunenden Bestien zu retten. Sie durchschreitet die Stadt und wandert die Bohola Road hoch. Nach etwa einer Stunde erreicht sie Cill Aodain; ein Hinweisschild dokumentiert es. Eine scharfe Linkskurve führt die Straße weiter, während geradeaus ein breiter Weg zu einem zweistöckigen, zurzeit unbewohnten Haus hochführt. Dieses dürfte in den Jahren der hier geschilderten Ereignisse noch nicht existiert haben, es ist vielleicht dreißig Jahre alt. Diese Kurve aber dürfte die entscheidende sein, denn die nächste Biegung kommt erst nach Verlassen von Cill Aodain. Saoirse sucht auf der rechten Seite eine Spur, die vielleicht auf jenes Cottage hinweist; es gibt hier aber keine Anzeichen mehr. Sie bleibt an der Stelle stehen, wo sie das ehemalige Cottage vermutet, die Erzählung der Maisa hatte eine genaue Beschreibung gegeben, so dass sie überzeugt ist dort zu stehen, wo sich seinerzeit das Haus befand.
Andächtig lauscht Saoirse in das Land, als ob sie erwarte, ein Zeichen der Vergangenheit zu fangen. Fast glaubt sie die entschlossenen Schreie des Mädchens zu hören, als sie sich auf die schwarze Bestie stürzte, doch es ist nur das Jammern des Windes.
Sie hat noch viel Zeit und setzt sich in das Polster des hier hohen, dichten Grases. Sie hat die Augen geschlossen. Ihre Sinne sind auf die Darbietungen der Natur gerichtet. Der Duft von Wildblumen und Gras, das gelegentliche Aufheulen von Windböen, das Zirpen und Zirren von Vögeln, das Rascheln von kleinen Säugern und Echsen im Gras. Nur gelegentlich dringt das Geräusch eines Automobils zu ihren Ohren. Hier kommt ihr die Geschichte von dem Jungen, der seinen Schatten suchte, in den Sinn; die Maisa hatte sie vor einiger Zeit während einer Feier am Lagerfeuer erzählt.
Der Junge, Andrew McDonnagh, lebte in einem Cottage in den Bergen von Donegal. Eines Tages, es war sein achtzehnter Geburtstag, wurde ihm bewusst, das er anders war als seine Mitmenschen. Er hatte keinen Schatten. Sicher, es war bekannt und er war schon lange ein Einzelgänger und Außenseiter, doch bisher hatte ihm das nichts ausgemacht. Wie aus heiterem Himmel kam es über ihn, die Erkenntnis, anders zu sein. Man mied ihn, in der Schule saß er allein an seiner Bank, der Stuhl neben ihm blieb leer. Es war beinahe so, als fürchteten sie ihn. Andere Außenseiter wurden gehänselt, aber soviel Beachtung wurde ihm nicht zuteil. Es war, als ob er gar nicht existierte. Andrew verließ als Bester seine Schule; als er aber eine Arbeit suchte, fanden die Inhaber der wenigen ansässigen Firmen viele Ausreden, um ihn abzuwimmeln. So blieb er zuhause und bewirtschaftete den Garten; er dachte nicht darüber nach. Jetzt war alles anders; er fühlte sich einsam und verlassen, seine Mutter war der einzige menschliche Kontakt.
„Warum habe ich keinen Schatten wie die anderen?“, fragte er am einsamen Geburtstagstisch.
Die Mutter zuckte die Achseln und antwortete: „Das kann ich dir nicht sagen. Du bist wie jeder andere mit ihm zur Welt gekommen, doch man hat ihn dir genommen, als du klein warst.“
„Wer?“, rief der Junge verzweifelt.
„Das kann ich dir nicht sagen, mein Junge. Du musst es akzeptieren, wie es ist.“ Die Mutter nahm seine Hand und fuhr fort.
„Lass die anderen, ich habe dich lieb und mich stört es nicht, dass du keinen Schatten hast.“
Andrew war sehr erregt und entzog der Mutter die Hand. Er sprang auf, lief in der Stube hin und her und rief:
„Ich kann so nicht weiter leben. Ich muss fort und meinen Schatten suchen.“ Die Mutter zuckte wieder die Achseln und sagte: „Ich kann und will dich nicht aufhalten; tue, was du tun musst. Erwarte aber nicht, dass ich dich unterstütze; dort draußen bist du auf dich allein gestellt. Mache mir später keine Vorwürfe.“
Andrew antwortete nicht und überlegte nicht mehr lange. Er ging auf sein Zimmer und raffte seine Habseligkeiten zusammen. Als er seiner Mutter zum Abschied einen Kuss auf den Mund geben wollte, wandte sie sich ab und hielt ihm die Wange hin. „Ich hoffe, du weißt, was du tust“, sagte sie.
Andrew verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen, das Haus. Er lief die Dorfstrasse hinunter und fühlte sich erleichtert, als er das Ortseingangsschild hinter sich ließ. Er wanderte viele Meilen, bevor er anfing, über seine Reise nachzudenken. Im nächsten Ort würde man ihn nicht mehr kennen. Er wusste, wie er es anfangen musste, damit man seinen Makel nicht bemerkt. Sein Herz hüpfte, als er über all die neuen Chancen nachdachte, die sich ihm nun boten. Doch auch die Besorgnis kroch in sein Herz. Wie sollte er es anfangen, nach seinem Schatten zu suchen; er hatte nicht die Spur einer Idee.
Die Sonne stand tief, als er die Grenze des Ortes überschritt. Es war die Zeit der langen Schatten und er war froh, dass niemand ihm hier begegnete. Als er den Ortskern erreichte, beschloss er sich hier zunächst um eine Stellung zu bemühen, denn er hatte nur wenige Pfund von Zuhause mitgenommen.
Der Ort hatte ein Garten-Center und da er von Gärtnerei etwas verstand, ging er in den Laden und sprach bei der Inhaberin vor. Er zeigte ihr seine hervorragenden Zeugnisse und gab seine Kenntnisse zum Besten. Die Chefin fand Gefallen an ihm und gab ihm ein Zimmer, Kost und ein paar Pfund Taschengeld in der Woche. In der folgenden Zeit bewies er, dass er sein Geld mehr als wert war und so gab sie ihm schon nach einem halben Jahr so etwas wie einen richtigen Lohn.
Niemand bemerkte, dass er keinen Schatten hatte. In den ersten Monaten dachte er noch oft darüber nach, wie er es anstellen sollte, ihn zu finden; doch mit der Zeit vergaß er mehr und mehr sein Anliegen. Die Menschen, die ihn kennen lernten, mochten ihn, weil er ein lieber und höflicher Bursche war. Die Mädchen im Ort sprachen bald von dem hübschen Gärtnerjungen.
Alles wäre gut gewesen, doch eines Tages – es mochten mittlerweile zwei Jahre vergangen sein – da betrat ein alter Mann den Laden. Andrew war an diesem Tag für den Verkauf eingeteilt.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte er den Alten.
„Du musst die Frage anders herum stellen“, antwortete dieser und blickte den Jungen fest an.
„Die Frage ist, ob ich dir helfen kann“, fuhr der Alte fort.
Andrew war verlegen und merkte, wie er errötete.
„Ich, ich verstehe nicht“, stammelte er, „wobei sollten Sie mir helfen wollen?“
„So, so“, sagte der Alte, „fehlt dir wirklich nichts?“
Andrew spürte eine Faust, die sich in seinen Geweiden festkrallte. Der alte Mann hatte es erkannt, doch wie? Das Licht im Geschäft war so diffus, dass niemand einen Schatten warf. Vielleicht meinte er etwas anderes, deshalb antwortete er vorsichtig:
„Ich wüsste nicht was.“
Der Alte blickte den Jungen immer noch fest an.
„Entschuldige“, sagte er, „ich habe mich noch nicht vorgestellt: Ich bin die Verdrängung und ich habe deinen Schatten. Als du noch ein kleiner Junge warst, fast noch ein Baby, war ich bei dir und habe ihn mir geholt. Deine Eltern haben mich gerufen, weil er für dich eine Last geworden war, immer quälender wurde er dir, so sehr, dass ein so kleines Kind, wie du damals, es unmöglich aushalten konnte. Als ich ihn an mich genommen hatte, musstest du nicht mehr leiden. Es bereitete mir lange keine Mühe deinen Schatten aufzubewahren, doch dann wurdest du achtzehn. Er wurde unruhig und widerborstig, und fast wäre er mir entkommen. Dann wurde seine Auflehnung schwächer und nach ein paar Monaten war er wieder zahm und ergab sich in sein Schicksal, bis vor wenigen Tagen, da ist er mir entkommen. Ich fürchte, dass er versucht dich zu finden, aber wie ich sehe, war er noch nicht hier; ich werde bei dir bleiben und hier auf ihn warten, du hast nichts zu befürchten, wenn du ihn mir überlässt.“
Mit großem Erstaunen hatte Andrew dem alten Mann zugehört. Lange Zeit konnte er nichts sagen, dann fasste er sich wieder.
„Warum sollte ich ihn ihnen überlassen?“, fragte er den Alten.
„Warum fragst du? Weißt du denn nicht, was dich erwartet? Unerträgliche Schmerzen wirst du ertragen müssen, wenn dein Schatten sich wieder mit dir vereint, vielleicht wirst du sogar vor Qualen sterben müssen. Schatten versuchen immer, mit ihren Eigentümern vereint zu bleiben. Das ist gut, solange die Schmerzen nicht zu groß werden. Doch manchmal, so wie bei dir, muss ich einschreiten und ihn an mich nehmen. Ich achte peinlich darauf, dass sie mir nicht entkommen und ihre ehemaligen Träger schädigen. In den meisten Fällen gelingt es mir sie für immer einzusperren. Die Menschen werden ohne ihn zwar Zeit ihres Lebens nicht glücklich, doch sie leiden nicht. Manchmal aber passiert mir ein Missgeschick, so wie bei dir, dann versucht das dunkle, listige Ding sich wieder mit seinen Eigentümern zu vereinigen; ich versuche das mit all meinen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern, schließlich bin ich dafür zuständig. Ich muss dich also – zu deinem eigenen Schutz – ersuchen, mir zu gestatten, die Vereinigung zu verhindern. Es ist davon auszugehen, dass er bereits in unmittelbarer Nähe lauert, nur vor mir scheut er noch zurück.“ „Ich möchte meinen Schatten wieder haben“, rief der Junge erregt, „was immer er mir zufügt, es kann nicht so schlimm sein, wie das Unglück, welches ich empfinde, wenn ich ohne ihn leben muss.“
„Du weißt nicht, wovon du redest“, zischte der Alte, „möchtest du sterben?“ Der Junge antwortet mit der gleichen Erregung:
„Lieber sterbe ich, als unglücklich zu sein, auch wenn ich es in den letzten beiden Jahren fast nicht bemerkt habe. Wie gerne hätte ich mich mit einem Mädchen verabredet, aber etwas gestattete es mir nicht. Jetzt weiß ich, dass ich Angst davor hatte, es könne meinen Mangel bemerken. Ich will meinen Schatten und koste es mein Leben.“
In diesem Moment verdunkelte sich der Raum und Andrew spürte, wie sich etwas in sein Inneres drängte. Plötzlich tauchten Dinge in ihm auf, die er vorher nie bemerkt hatte; sie taten weh, sehr weh.
„Nein!“, schrie der Junge, „das könnt ihr nicht machen.“ Er kauerte sich zusammen und begann, heftig zu weinen, wie Bäche flossen die Tränen aus seinen Augen.
„Das ist er“, rief der Alte zornig. Er stürzte sich auf den Schatten und zerrte an ihm, versuchte ihn nieder zu ringen, halb gelang es ihm. Andrew hockte am Boden und schluchzte, der Schmerz hatte nachgelassen; er fühlte sich leer. Der Schatten ließ sich jedoch nicht mehr von dem alten Mann bezwingen. Sobald er sich ihm entwunden hatte, bemächtigte er sich wieder des Jungen, unvermindert ergriff die Qual wieder Besitz von ihm; kaum erträglich war die Folter, bis der Alte wieder für kurze Zeit die Kontrolle erlangte, dann war die Kraft des alten Mannes erschöpft.
„Lebe wohl“, rief er dem Jungen zu, „ich kann dir jetzt nicht mehr helfen, auch wenn er dich zu Tode quält.“
Andrew starb nicht!
Schmerzhaft war es, als der Schatten sich wieder mit ihm verband, doch die Schmerzen wurden mit der Zeit weniger. Es dauerte zwei Jahre, bis er ihn vollends angenommen hatte. Von nun an begleitete er ihn, wo immer er sich hinbegab, es schmerzte nicht mehr, die Wunden waren vernarbt. Unbeschreiblich war das Glück, das Gefühl ihn als sein Eigen bei sich zu wissen. Andrew verliebte sich bald in ein Mädchen, heiratete es, bekam Kinder und wurde glücklich mit seiner Familie. Niemals wieder ließ er den alten Mann über seine Schwelle.
Saoirse schreckt hoch, sie muss eingeschlafen sein. Sie erinnert sich noch, wie die Maisa ihr am Ende der Geschichte sagte: ‚Welch ein Glück für dich, dass der Alte nie zu dir gekommen ist.' Ein Blick auf die Uhr signalisiert: Zeit zum Aufbruch; doch sie würde noch bequem hinunter gehen können. Auf der Straße dreht sie sich noch einmal um und beschließt diesen Geschichten trächtigen Ort noch einmal aufzusuchen, dann geht sie Ziel orientiert hinunter in die Stadt.
Sie ist eine Viertel Stunde vor ihrem Rendezvous am Raftery Room und geht sofort hinein. Sie läuft den langen Gang hindurch und betritt den hinteren Gastraum. An der Theke sitzen ein paar Männer vor ihren Pints. Viele Tische sind in dieser Zeit besetzt, die Leute nehmen hier ihr Dinner. Einige erkennt sie wieder; sie winken ihr freundlich zu, wenn sie das Mädchen erblicken. Saoirse setzt sich an den vordersten Tisch, der noch unbesetzt ist. Sie legt Jacke und Tasche ab und besorgt sich eine Cola von der Theke. Von ihrem Platz aus hat sie die Tür im Auge. Je näher der Zeiger auf Acht rückt, umso unruhiger wird sie. Jetzt hat er den obersten Strich erreicht; am liebsten würde sie sofort gehen. Es vergehen aber noch zehn weitere, lange Minuten, dann endlich ist der Eintretende Seán. Er erfasst sie sofort mit seinem Blick, winkt ihr zu und holt sich zunächst eine Pint von der Bar. Mit einem „Hi Saoirse“ setzt er sich ihr gegenüber. „Wartest du schon lange?“, fragt er. Sie antwortet wahrheitsgemäß und berichtet kurz über ihren Spaziergang hoch nach Cill Aodain. „Ein seltsamer Ort“, sagt er, „voll von Geschichten. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe genau wie du dort gesessen und mich an eine vergessen geglaubte Geschichte erinnert, die meine Großmutter mir als Kind erzählt hat.“ Seán macht eine bedeutungsvolle Pause, dann beginnt er:
„Lange bevor Kiltimagh entstanden ist, war das Gebiet von einem dichten Wald bedeckt. Dieser wurde regiert von einer Elfenkönigin; die Legende ihrer Schönheit hat sich bis in die heutigen Tage erhalten. Cill Aodain war der Ort, an dem diese Königin residierte. Ihr Name war Al Dórin und ihr Gebiet erstreckte sich vom heutigen Bohola über Kiltimagh bis hinunter nach Bala und von Swinford nach Clairemorris. Viele tausend Elfen waren hier Zuhause. Der einzige von ihnen nicht besiedelte Bereich waren die Berge von Kiltimagh. Diese wurden beherrscht vom Zwergenvolk Anhàn, deren König der grimmige McOnór war. Ein im Westen in den Berg gehauenes Portal führte in ihr unterirdisches Reich Coilté Anhàn, das seinerzeit die gesamte Bergkette unterhöhlte. Elfen und Zwerge mochten sich nicht, obwohl es in den mehr als viertausend Jahren ihrer Koexistenz niemals zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen war. Nie hätte je ein Zwerg seinen Fuß in den Wald gesetzt, denn Zwerge hassten ihn. Sie liebten vor allem die Dunkelheit ihrer Höhlen und bei Tageslicht ist noch nie ein Zwerg außerhalb angetroffen worden. Die Elfen dagegen sind helle Wesen, die das Licht lieben. Sie hatten ihre Behausungen hoch oben in den Wipfeln der Bäume gebaut, um der Sonne möglichst nahe zu sein. Wenn ein Mensch gelegentlich den Wald durchstreifte, bemerkte er nichts von der Existenz der Elfen. Menschen kamen damals nur selten her, denn die nächstgelegene Siedlung lag weit entfernt im heutigen Castlebar. Elfen hatten die Eigenschaft, sich vollkommen still zu verhalten, zumindest für die Ohren der Menschen, denn sie hatten die Gabe, sich im gesamten Schallspektrum zu verständigen. Für Mitteilungen über viele Meilen hinweg nutzten sie Infraschall unterhalb des hörbaren Bereichs, der von Bäumen und Büschen kaum gedämpft wurde. Für Unterhaltungen mit Freunden in der Nähe setzten sie Ultraschall ein. Sie konnten sich aber, wenn sie wollten, auch im für den Menschen hörbaren Tonspektrum austauschen; sie beherrschten sogar die Sprache der Menschen. Seit Elfengedenken hatte aber keine Unterhaltung zwischen ihnen stattgefunden und niemand wusste, ob es je einen Austausch gegeben hatte. Trotzdem wurde die Sprache der Menschen gepflegt, so, als ob sie geahnt hätten, dass diese Kenntnis einmal für sie wichtig sein würde. Die Menschen damals wussten nichts von der Existenz der Elfen. Wenn sie die Wälder durchstreiften, um zu jagen, hatten sie nie einen Elf zu Gesicht bekommen oder auch nur akustisch wahrgenommen, obwohl sie die Chance dazu gehabt hätten; denn Elfen, besonders die Jungen, waren manchmal zu Scherzen aufgelegt. Übermäßig sangen sie in hellen Tönen Elfenlieder, die sich für Menschen oft nur wie Windgeheul oder Grillenzirpen anhörten. Obwohl Windgeräusche bei Windstille sehr unwahrscheinlich sind, hatten Menschen diesen Unfug nicht bemerkt; das fanden die jungen Elfen jedes Mal besonders lustig. Die Zwerge dagegen hatten raue Kehlen und waren dort, wo sie sich bewegten, auch nicht besonders leise. Sie waren handwerklich große Meister und verwandelten Edelmetalle, die in den Bergen von Kiltimagh damals noch in großen Mengen vorhanden waren, in die schönsten Ringe und Ketten. Es gab unter ihnen Baumeister sowie Schmiede für Edelmetall und Eisen. Ihr Reich war verschwenderisch mit Gold und Silber ausgestattet; Zwerge waren reich. Das edelste Metall aber war das Anhánicum, das sehr selten war und nur hier in den Bergen von Kiltimagh vorkam. Es war hart, so hart, dass ein Schwert aus diesem Metall einen stählernen Block wie Butter zerschnitt. Keine Waffe, von Menschen oder Zwergen gemacht, hätte ein Kettenhemd aus diesem Metall durchstoßen können. Dabei war das Metall leicht, so dass ein Kettenhemd kaum mehr als ein Normales wog und ein Schwert nicht so viel wie ein Bleistift. Vier Jahrzehnte hat das Zwergenvolk gegraben, um das Erz für genau ein Schwert und ein Kettenhemd zu gewinnen. Nun lag es vor ihnen, für die Statur eines Menschen geschaffen. Es gab nämlich eine Legende, die sagte: Eines Tages wird ein großer Menschenkrieger erscheinen und das Volk von Coilté Anhàn in die Berge von Donegal führen. Dort regierte damals ein starker grausamer Menschenkönig, der mit einem großen Heer von Osten über das Wasser gekommen war und Menschen und Zwerge nach Sligo, Galway und Mayo vertrieben hatte. McOnórs Bruder o'Gail ist von dort ins Exil nach Coilté Anhàn vertrieben worden; gedemütigt lebte er hier und wartete auf das Erscheinen des großen Menschenkriegers; denn Menschen und Zwerge hatten einen gemeinsamen Feind.
Doch dann kam es anders. Der Eroberer von Donegal, sein Name war Cal Brighton, mobilisierte sein Heer, um auf Raubzug ins Innere des Landes zu ziehen. Er hinterließ eine Spur der Verwüstung, niemand konnte ihm ernsthaft einen Widerstand entgegen setzen. Eines Tages stand er vor Castlebar. Nach einer erbitterten Schlacht zogen sich die Menschen von Castlebar zurück und flüchteten in Al Dórins Wald. Von hier hofften sie aus dem Hinterhalt Widerstand leisten zu können. Cal Brighton besetzte Castlebar und zog bereits am nächsten Tag weiter in Richtung des heutigen Bala. Dort schlug das Heer ein Lager auf. Cal Brighton beabsichtigte, hier eine Festung zu errichten, und von dort wollte er zunächst die Flüchtigen von Castlebar jagen. Eine Woche später begannen seine Leute den Wald zu roden.
Die Elfen hatten sich bisher aus den Streitigkeiten der Menschen heraus gehalten; denn von Kriegen unter ihnen hatten sie schon gehört und das war wirklich allein ihr Business, zwischen verschiedenen Elfenvölkern gab es keine Kriege, sie waren alle befreundet. Kaum, dass die Menschen mit der Baumfäll-Aktion begonnen hatten, meldeten Infraschall-Stimmen die Vernichtung von Elfen-Behausungen am Rande des Reiches von Al Dórin. Einen derartigen Angriff hatte es bisher noch nie gegeben und Al Dórin berief den Rat der Elfen ein. Mittlerweile hatte sich die Nachricht von der Invasion auch bis Coilté Anhàn verbreitet und McOnór rief seinen Bruder O'Gail und die Ältesten der Anhàn zu sich. „Das Heer der Agil Sachá“, so begann Al Dórin, „die Soldaten von Cal Brighton sind unbesiegbar, wenn nicht der Menschenkrieger erscheint, der Rüstung und Schwert aus Anhàn an sich nehmen kann und diese zu unserem Nutzen einsetzt.“ Sein Bruder gibt zu bedenken:
„Die Legende sagt, dass dieser Menschenkrieger kommt und uns gegen die Agil Sachá in Donegal führt. Doch jetzt fallen Cal Brightons Soldaten in unser Land ein und von diesem Menschenkrieger ist nichts zu sehen. Wir müssen darüber nachdenken, ob wir länger der Legende glauben wollen.“
Ein entrüstetes Murmeln geht durch die Reihen der alten Zwerge. Dann faucht McOnór seinen Bruder böse an:
„Nicht an die Legende glauben heißt Verrat an unserem Volke; hüte deine Zunge O'Gail oder du bist nicht mehr mein Bruder. Es ist möglich, dass wir die Legende falsch deuten, aber an ihr gibt es keinen Zweifel.“
O'Gail wagt es nicht, etwas zu erwidern. Dann meldet sich der älteste und weiseste der Anhàn zu Wort:
„Der Menschenkrieger muss bereits in unserer Nähe sein, wir haben ihn vielleicht nur nicht erkannt. Es ist vielleicht unser Fehler, dass wir auf einen Großen Krieger warten. Ein altes Sprichwort der Elfen, entschuldigt meine Kinder, aber Weisheit ist nicht das Vorrecht unserer Spezies, also das Sprichwort sagt: Suche nicht Größe nur im Großen. Vielleicht ist unser großer Krieger klein, und deshalb haben wir ihn nicht wahrgenommen.“
Stille herrscht zunächst in der Versammlungshöhle; dann tönt es wie aus einem Munde:
„El Gabriel.“
El Gabriel ist ein Menschenkind, das seit vierzehn Jahren von den Zwergen groß gezogen wird; er war ein Findelkind, das sie seinerzeit verlassen im Wald gefunden hatten. Er lebte unauffällig unter den Zwergen und war mittlerweile zu einem Goldschmiedemeister ausgebildet worden – man hatte ihn bereits als Zwerg akzeptiert. Doch El Gabriel mochte nicht, wie die Zwerge, nur das Dunkel im Innern des Berges. Er kannte die Wälder Coilté Mach und liebte sie mehr als die Berghöhlen. In seinen freien Stunden hat er sie durchstreift und eines Tages erkannt, dass der Wind heulte, obwohl kein Lüftchen sich regte. Er bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Die Elfenkinder bemerkten sofort, dass El Gabriel anders reagierte als die anderen Menschen, die sie bisher geneckt hatten. Dieser legte sich ins Gras und schloss die Augen. Eine Stunde lag er dort ohne sich zu rühren. Die Elfenkinder wurden neugierig und wollten nachschauen, warum der Junge so regungslos dalag. Vorsichtig kletterten sie von ihrem Baum um nachzusehen. Da Elfen sich lautlos bewegten, konnte El Gabriel ihre Schritte nicht hören, aber er bemerkte ihre Stimmen. Die Elfenkinder waren noch unerfahren und wussten nur, dass Menschen Infra- und Ultraschall nicht wahrnehmen können; sie unterhielten sich daher in einem für Menschen normalerweise nicht zugänglichen Tonbereich. Was sie aber nicht wussten: Junge Menschen, also Kinder, können hohe Töne hören, die von Erwachsenen nicht mehr wahrgenommen werden. Der Junge hörte also die Elfenkinder schwätzen. Als sie sich neugierig über ihn beugten, öffnete El Gabriel plötzlich seine Augen und lachte ihnen ins Gesicht.
„Hallo“, sagte er fröhlich, „was haben wir denn hier für schöne Kinder.“ „Wir sind Elfenkinder“, antwortete das Mädchen nach einem kurzen Moment der Überraschung.
„Ich habe von euch gehört“, sagte der Junge, „ihr sollt hinterhältig und gemein sein.“
„Quatsch“, erwiderte der Elfenjunge, „so etwas behaupten nur die Zwerge.“
„Ich bin ein Zwerg“, sagte El Gabriel. „Du?“, sagte das Elfenmädchen und prustete laut los, aber in solch hohem Ultraschall, dass der Menschenjunge das Lachen nicht hören konnte.
„Du ein Zwerg? Dann bist du entweder zu lang oder zu dünn.“
„Außerdem kommen Zwerge nie in unseren Wald“, ergänzte der junge Elf. “Ich bin aber doch ein Zwerg“, sagte El Gabriel so ernst, dass die Elfen, um ihn nicht zu kränken, darauf nichts erwiderten. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn zu ihren Eltern.
Der Findeljunge war seither viele Male bei den Elfen und mit der Zeit wurde er ihr Freund; den Zwergen aber erzählte er nichts davon.
„El Gabriel“, wiederholten die Zwerge.
„Ja“, sagte McOnór, „El Gabriel muss es sein, kein anderer könnte jetzt noch die Prophezeiung der Legende erfüllen.“ Doch sein Bruder O'Gail machte ein ungläubiges Gesicht, denn er selbst war sehr Kampf erfahren und konnte sich nicht vorstellen, dass ein Junge wie El Gabriel ein großer Krieger sein sollte, doch er wagte es nicht, dem König zu widersprechen.
„Holt ihn her!“ Man schickte nach dem Jungen und wenig später stand er zum ersten Mal vor dem Zwergenkönig. „Bringt das Hemd und das Schwert!“, befahl der König. Man brachte es, wie geheißen und zog dem Menschenjungen das metallene Hemd über den Kopf; es reichte ihm bis zu den Knien, da es ja für einen großen Menschenkrieger gemacht war. El Gabriel wusste nicht, wie ihm geschah und glaubte, nunmehr unter der Last dieses Hemdes zusammenbrechen zu müssen; zu seiner Überraschung spürte er nicht einmal das Gewicht, es war federleicht. „Er muss kämpfen lernen“, raunte es aus der Runde und der König drückte ihm das Schwert in die Hand. Es war ebenfalls beinahe schwerelos. Wie ein Weidenstöckchen ließ El Gabriel es ein paar Mal durch die Luft sausen und es zischte. Die Zwerge aber fragten sich, wie der Junge mit dem zu langen Hemd den mächtigen Feind Cal Brighton und seine Mannen schlagen wollte. Mit großen Augen hörte er die Legende über seine Bestimmung. Der Junge war nicht der Erste, der daran zweifelte.
„Er muss sich jetzt konzentrieren und in seine Rolle schlüpfen“, sagte der König und klatschte in die Hände. In wenigen Minuten war El Gabriel allein. Wie war er nur dort hineingeraten? Noch einmal ließ er das Schwert durch die Luft zischen; wie er damit ein Heer schlagen sollte, war ihm schleierhaft. Wie so häufig in der letzten Zeit - wenn er Rat suchte – ging er in den Wald zu den Elfen. Als er ihnen schilderte, was die Zwerge von ihm erwarteten, sagte ein alter Elf:
„Die Zeit ist gekommen, dass du mit unserer Königin sprichst. Du wirst einen Tag unterwegs sein, bist du abreisebereit?“
Wenige Stunden später waren sie in Cill Aodain. Zwei weibliche Elfen führten El Gabriel in einen großen Saal, der aus den Stämmen von Eiben, ihren Kronen als Decke, dichten Haselsträuchern als Wände gebildet wurde. Der Teppich war dichtes Waldmoos. Von oben kam aus dem Nichts eine gläserne Amphore, die ein sonderbares Licht ausstrahlte. Nach wenigen Minuten teilten sich an der hinteren Wand die Büsche, so dass ein Tor entstand und durch dieses Tor schritt eine Frau, so schön, wie El Gabriel sie in seinem Leben noch nicht gesehen hatte. Gebannt schaute er auf die Elfenkönigin. Sie schien kaum älter als El Gabriel zu sein. Von ihrem Körper ging ein Fluoreszieren aus, ihr Gewand war aus schönster Elfenseide. Als sie ihn erreichte, lächelte sie, so, dass ihm das Blut ins Gesicht schoss. Sie nimmt die Hände des Jungen, und er spürt eine warme Kraft von ihr seinen Körper durchfließen.
„Du bist es also“, sagte sie, „wir haben dich schon so lange erwartet; es hängt viel von dir ab. Die Barbaren Cal Brightons sind in unser heiliges Land eingefallen und drohen es zu zerstören und seine Einwohner zu versklaven. Wir haben sichere Kunde, dass Cal Brighton in den nächsten Tagen gegen Coilté Mach vorrücken wird. Wir Elfen dürfen nicht direkt gegen die Menschen kämpfen und bisher war das auch kein Problem. Noch wissen sie nicht einmal, dass es uns gibt, und aus den Streitigkeiten der Menschen haben wir uns stets heraus gehalten. Doch nun hat sich die Situation verändert, denn die Menschen haben angefangen, unsere Häuser zu zerstören. Wir haben daher vor wenigen Tagen den großen Elfenrat zusammen gerufen und die folgenden Beschlüsse gefasst:
- Angesichts der neuen Tatsachen müssen wir unsere Neutralität einstellen und Stellung beziehen,
- es ist uns untersagt, direkt in das Kampfgeschehen einzugreifen.

Deshalb werden wir indirekt unseren Einfluss ausüben, indem wir dich mit Gaben ausstatten, die Menschen normaler Weise nicht zugänglich sind. Doch könntest du mit all diesem nichts anfangen, wenn du die wichtigste Gabe nicht selbst besitzen würdest: Du hast es gelernt – oder besser gesagt: Du hast es nicht verlernt – auf dein Herz zu hören; denn die Kräfte, mit denen wir dich ausstatten, können nur über dein Herz erreicht und eingesetzt werden.
Zunächst zu deinem Schutzhemd und dem Schwert. Die Zwerge sind hervorragende Bergleute und Handwerker. Damit ist es ihnen gelungen, dir diese außergewöhnliche Ausstattung aus Anhánicum herzustellen. Keine Waffe wird dein Panzerhemd durchdringen und dein Schwert wird andere Schwerter wie Butter durchschneiden. Doch das allein genügt nicht. Wir geben dem Hemd die Kraft, all das Böse, was der Feind in einen Schlag gegen den Träger legt, auf ihn zu reflektieren. Das Hemd wird diese Kraft behalten, solange der Nutzer keinen Groll gegen den Angreifer empfindet. Damit wird der Angreifer selbst zum Angegriffenen. Deinem Schwert geben wir die Kraft, nicht zu töten. Es soll vielmehr die Feinde, die von ihm getroffen werden, zu den Verbündeten desjenigen, dessen Hand es führt, machen, solange dieser es nicht im Hass gegen ihn richtet, sondern nur zu seiner Verteidigung verwendet. Du wirst deine Feinde also nicht mit deinen Waffen, sondern nur mit deinem Herzen besiegen können. Deshalb bist du der Auserwählte, El Gabriel, „der große Krieger des Herzens.“
Nach diesen Worten legte sie ihre Hände auf Hemd und Schwert. Mit heller Stimme sprach sie Worte in einer Sprache, die El Gabriel nicht verstand. Er spürte eine warme Welle seinen Körper durchfluten.
Sie nahm den Kopf des Jungen in beide Hände und küsste ihn auf den Mund. Flüssiges Gold strömte von dort direkt in sein Herz.
„Es ist die Liebe“, flüsterte sie ihm ins Ohr, „nur die Liebe.“
Nach diesen Worten verschwand Al Dorin durch das Haselnussportal.
El Gabriel saß benommen im weichen Moos des Empfangsaals der Elfenkönigin, in seinem Kopf schwirrte es, in seinem Bauch spürte er die Schmetterlinge. Nie würde er seine Begegnung mit Al Dorin vergessen, ihre Schönheit, ihre Worte, ihre Liebe, seine Liebe. Langsam erhob er sich, gestärkt, bereit zu dem großen Kampf gegen den Tyrannen Carl Brighton.
Die Elfenkinder begleiteten ihn zurück nach Coilte Mach bis zum Rande des Waldes. Er schwebte, sein Herz erfüllt mit Liebe zu Al Dorin, zurück nach Coilte Anhán. Kaum hatte sich die Kunde von seiner Rückkehr herum gesprochen, ließ McOnor ihn zu sich rufen.
„Es wird Zeit“, begann er zu sprechen, „dass du im Umgang mit deinem Schwert geübt wirst. Mein Bruder O'Gail ist unser größter Krieger; er erwartet dich bereits im Waffensaal, um dich zu unterrichten. El Gabriel sagte:
„Dazu wird es nicht viel Gelegenheit geben, denn die Agil Sacha werden bereits in den nächsten Tagen angreifen.“ Er berichtete was er von den Elfen erfahren hatte, erwähnte aber nicht die Begegnung Al Dorin, weil er wusste, dass der König nicht gut auf sie zu sprechen war. Es reichte schon, dass er in ihrem Wald war, denn McOnors Gesicht schwoll rot an, in ganz Coilte Anhán fürchtete man seinen Zorn.
„Kein Zwerg hat etwas im Wald der Elfen verloren“, brüllte er und lief aufgeregt im Kreis umher.
„Man kann ihnen nicht trauen, sie sind böse, verschlagen und hinterhältig, sie sind nicht unsere Freunde.“ El Gabriel ließ sich vom König nicht beeindrucken. Er ließ ihn noch ein wenig toben, doch der Zorn verflachte schnell. Dann erwiderte er:
„Ich bin doch kein Zwerg, das hast du selbst gesagt, also werde ich mich auch nicht grundsätzlich wie einer verhalten. Außerdem sind die Elfen nicht eure Feinde, auch wenn sie keine Freunde sind; in diesem Krieg sind sie auf unserer Seite, das allein sollte schon reichen, um mit ihnen zu korrespondieren; in Zeiten wie diesen, kann man nicht genug Verbündete haben. Das Wichtigste aber ist: Wenn ich, wie ihr sagt, euer Held sein soll, dann muss ich mir auch meine Freunde und Kameraden aussuchen dürfen. Euch Zwerge liebe ich, weil ihr mein Zuhause seid, die Elfen aber sind seit langem meine Freunde, und das, weil sie genau das Gegenteil von dem sind, was hier in Coilte Anhán von ihnen gesagt wird. Sie sind gut, offen und ehrlich. Eure Meinung über sie muss also falsch sein und kann nur daher rühren, dass ihr ihnen nie begegnet seid.“
Der König war über diese Worte gleichermaßen erstaunt wie El Gabriel selbst; kaum konnte er glauben, dass er es war, der diese Worte gesprochen hatte. Der König schaute den Jungen lange an und sagte kein Wort. Sein Gesicht blieb weiß wie das eines gewöhnlichen Zwerges, ein Zornesausbruch war also nicht zu erwarten. Eher schien es so, als ob er tief nachdachte, und genau das geschah.
McOnor versuchte sich zu erinnern, was genau die Legende sagte; dann erinnerte er sich an die Worte:

... wenn schon ergreift des Feindes Hand mit großer Macht Coilté Anhán, die Tapfersten nicht siegen können, die Listigsten, die List nicht kennen, dem kleinen Volk das Ende droht erwächst ein Held aus höchster Not. Ein Menschenkrieger stark und fein wird Mittler seiner Völker sein. Mit reinem Herz und großem Mut führt er sie in des Feindes Glut, erstickt das Feuer, kaum entfacht, dem Feind zerrinnt die Übermacht. Das Böse weicht, der Schatten fällt, verändert wird die alte Welt. Noch Generationen werden singen, vom Sieg, errungen in der Nacht, doch nicht das Schwert wird ihn erzwingen, den Ruhm bringt eine größere Macht. Was heute gilt, ist bald nicht wahr, ein neuer Geist entsteht im Land, bringt Freundschaft für das Volk Anhán, den Sieg ein reines Herz gebar. …

Nach einer ganzen Weile brach der König sein Schweigen. Zu El Gabriels Überraschung sagte er:
„Ich glaube, jetzt verstehe ich. Du hast Recht, mein Junge: Du bist der Auserwählte. Gehe jetzt zu O'Gail, auch wenn wir nicht mehr viel Zeit haben, so kannst du dennoch nicht gänzlich unvorbereitet deinen Kampf führen. Ich, für meinen Teil, werde wohl noch viel lernen müssen, in der nächsten Zeit.“
Der Junge ließ den König allein und machte sich auf den Weg in die Waffenkammer. Als er eintrat, war O'Gail bereits dort und hatte seine Rüstung angezogen; er schien schon gewartet zu haben. Unfreundlich blickte er den Jungen an und raunzte ihn in ebensolcher Weise an.
„Da bist du ja, auserwählter Grünschnabel, vermeintlicher Retter unseres Volkes. Wollen wir einmal sehen, wie du uns schützen wirst; unser König und sein Volk glaubt ja an dich.“
„Tut mir leid“, erwiderte El Gabriel, „aber ich habe mir diese Rolle nicht ausgesucht, und genau wie du erfüllte ich den Wunsch unseres Königs. Lass uns das Beste daraus machen. Ich hoffe, wenn wir die Invasoren vertreiben, wirst du als erfahrener Krieger bei mir sein und den Grünschnabel seinen Feinden nicht völlig schutzlos überlassen. Wir wollen unseren König doch nicht enttäuschen.“
Wieder wundert sich der Junge über seine Worte, doch er hat das Gefühl, dass er den Bruder des Königs versteht, er achtet ihn sehr.
O'Gael mochte nicht so ganz darauf eingehen, konnte aber auch nicht in gleicher Weise fortfahren.
„Lass uns beginnen“, grummelte er“, du kannst dein Hemd anlassen, dann kann ich dich nicht verletzen und wir können hart kämpfen, so wie es wirklich sein wird. Dein Schwert aber könnte mir gefährlich werden, denn was immer ich als Waffe nutze, wird wie Butter von deinem Schwert zerstört. Wenn ich der Auserwählte wäre, mit deiner Waffe wäre es ein Leichtes für mich den Feind zu besiegen. Aber ohne deine Hilfsmittel wäre für mich kein Anreiz mit dir zu kämpfen; also los, verteidige dich so gut du kannst.“
Mit diesen Worten hieb er kraftvoll mit seinem Schwert auf El Gabriel ein. Im nächsten Moment flog er, wie von einer unsichtbaren Faust getroffen, durch den Raum; er wusste nicht, wie ihm geschah. Verdutzt rappelte er sich auf.
„Tut mir leid“, sagte El Gabriel.
„Ich habe nicht einmal gesehen, wie du mich geschlagen hast, wer hat dir das beigebracht?“
Sein Schwert umklammert schlich er auf El Gabriel zu.
„Ich werde wohl doch aufpassen müssen“, sagte er. Noch einmal würde ihn der Grünschnabel nicht überrumpeln. Ganz überraschend wollte er dieses Mal zulangen. Er war ein ziemlich ausgefuchster Kämpfer und seinen Stoß würde der Grünschnabel nicht sehen. Ohne Ansatz stieß er zu. Als er sich dieses Mal aufrappelte war er völlig benommen. Wütend schaute er auf den Jungen.
„Du hinterhältiger Sauhund“, schrie er und stürzte mit erhobenem Schwert auf El Gabriel zu. Er musste es dem Grünschnabel zeigen. Reflexartig parierte der Junge mit seinem Schwert, als o'Gaels Hand herabsauste. Die scharfe Klinge der Anhánicum- Schwertes durchstieß den Unterarm des Zwerges; die Klinge fiel ihm aus der Hand. Er blickte auf seinen Arm, er war unverletzt. Er reichte dem Jungen die Hand und sagte:
„Du kannst auf mich zählen, El Gabriel, ich werde dir folgen, treu bis in den Tod, diesen Eid leiste ich hiermit.“
Der Junge wusste, dass dies sein erster Sieg war, den er mit dem Schwert errungen hatte. Es war seine Absicht gewesen, den kämpferischen o'Gael auf seine Seite zu ziehen. Es schien, als ob das Schwert seine Wünsche erfüllt.
„Ich werde sehr bald auf deine Treue setzen müssen“, sagte er zu o'Gael, „ich erwarte in den nächsten Tagen einen Angriff der Horden. Cal Brightons, ich werde auf dich und deine Krieger dringend angewiesen sein; ich wüsste nicht, was ich ohne deine Freundschaft tun sollte.“
Er umarmte den Zwerg und klopfte ihm auf die Schulter. Am nächsten Morgen gegen vier klopfte o'Gael an seine Tür und rief ohne abzuwarten:
„Junger Herr, die Agil Sacha haben etwa zwei Meilen vor Coilte Mach ein Lager aufgeschlagen und in der Nacht Bäume geschlagen. Sie scheinen sich dort zu sammeln, und es ist damit zu rechnen, dass sie noch im Laufe des Tages angreifen.
Zehn Minuten später El Gabriel im Audienzsaal des Königs; o'Gael und seine Offiziere waren bereits dort. „Es ist soweit, El Gabriel, so wie du vorausgesagt hast. Ein Elf hat in den frühen Morgenstunden die Wachen am Portal zu Coilte Anhán informiert. Es war das erste Mal seit vielen Generationen, dass ein Elf direkt in Kontakt zu einem Zwerg getreten ist; die Zeiten scheinen sich in der Tat zu ändern, gerade so wie die Legende sagt. Ich bitte dich ab sofort das Oberkommando über unsere Krieger zu übernehmen.“
Der Junge wandte sich an o'Gael:
„Lass deine Offiziere den Treueid leisten.“
O'Gael legte ohne Zögern sein Schwert zu El Gabriels Füßen und wiederholte seinen Treueschwur vom Vortage; seine Offiziere taten es ihm gleich. Man wurde sehr schnell darüber einig, dass sie den Angriff des Agil Sacha nicht abwarten würden. Die Offiziere erklärten, dass die Krieger bereits in den Alarmzustand versetzt seien und man in weniger als einer Stunde Aufbruch bereit sei.

Kurz vor Morgengrauen erreichten sie das Lager der Eindringlinge, sie schienen sich sicher zu fühlen, denn es waren nur wenige Wachen aufgestellt worden; sie hatten keine Chance zur Gegenwehr, als sie überrumpelt wurden. Im Lager herrschte bereits reges Treiben und es schien, als ob man auch hier kurz vor dem Aufbruch stünde. Plötzlich trat aus dem Dickicht ein hünenhafter Mann mit rotem Schopf und Bart, der ihm bis auf die Brust reichte. In kurzer Folge rasselten die Schwertscheiden der kleinen Krieger, doch der Mann erhob beschwichtigend die Hände: „Slán, meine Freunde, ich bin Seán O'Brien von Castlebar und hier vertreten mit neunhundert Mann, um das Lager der Agil Sacha anzugreifen. Wir leben bereits seit einigen Monaten hier in den Wäldern von Coilte Mach und warten seitdem auf den Tag der Vergeltung. Die Eindringlinge sind aber in starker Überzahl; ein junger, schöner Mann mit goldenen Haaren hat uns kurz nach Mitternacht informiert; von achttausend Mann hat er gesprochen. Wir allein hätten es unmöglich mit ihnen aufnehmen können, aber der schöne Jüngling hat eure Ankunft bereits angekündigt. Ihr sollt etwa zweitausend Krieger haben, so dass wir es zusammen auf knapp dreitausend Mann bringen. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner ist immer noch überwältigend, so dass wir überlegen, ob wir den Angriff wagen sollen. Ich möchte mich diesbezüglich mit eurem Kommandanten besprechen, wer ist es übrigens?
Die Offiziere der Zwerge wiesen auf den Jungen und sagten im Chor:
„El Gabriel haben wir Treue geschworen und wir folgen ihm bis in den Tod.“
„Offensichtlich verblüfft schaute Seán O'Brien den Jungen an und sagte:
„Aber er ist doch noch fast ein Kind.“
Doch unbeeindruckt von den Worten des Hünen erwiderte der Junge:
„Hat der Elf dir nicht gesagt, dass die Zwerge von einem jungen Krieger angeführt werden?“
„Schon“, antwortete der Rotschopf, „aber ich hätte nicht gedacht, dass er so jung sein würde. Wie viele Schlachten hast du denn schon geschlagen?“
„Noch keine einzige“, erwiderte El Gabriel ohne Verlegenheit“, und ich habe auch nicht vor, nach unserem Sieg jemals eine weitere zu schlagen. Was uns angeht, so habe ich keinen Beratungsbedarf, wir werden auf jeden Fall in wenigen Minuten angreifen, damit der Überraschungseffekt auf unserer Seite bleibt; du kannst entscheiden, ob ihr mit uns gemeinsam kämpfen wollt, oder euch lieber heraushalten möchtet, wir werden die eine wie die andere Entscheidung akzeptieren.“
Beeindruckt von dem selbstbewussten Auftreten des Jungen, schien Seán seinen Einwand vergessen zu haben und gab entrüstet zurück:
„Natürlich werden wir auf eurer Seite kämpfen, auch meine Männer folgen mir, notfalls bis in den Tod. Wir sind ebenfalls angriffsbereit und sehen keine Notwendigkeit länger zu zögern.“
Die Zwerge hatten in der Zwischenzeit das Lager lückenlos eingekesselt.
„Es geht los“, sagte der Junge, „wir bilden die Hauptfront, während die um das Lager verteilten Krieger den Ring enger ziehen.
Bist du in unserer Front dabei?“, fragte er an O'Brien gerichtet.
„Sehr gerne“, antwortete dieser, möglichst weit vorne.“
Wenige Minuten später stürmten etwa zwölfhundert Mann, El Gabriel, Seán O'Brien und o'Gael an der Spitze in das Lager. Weitere Achtzehnhundert stürzten mit lautem Kampfgeschrei von allen Seiten herein. Die Feinde waren einige Sekunden starr vor Schreck, sie hatten noch keine Waffen angelegt. Es herrschte großes Wirrwarr im Lager, und viele hatten das Waffenzelt noch nicht erreicht, als sie erschlagen wurden. El Gabriel wusste, dass seine Hand nicht töten würde und er war sehr froh darum, denn auch die Gegner hatten Frauen und Kinder Zuhause, und die meisten von ihnen sind zu den Waffen gezwungen worden. Je eher dieser Kampf beendet wurde, um so weniger von ihnen mussten sterben. Blitzschnell ließ er sein Schwert kreisen und jeder, der auch nur von der Klinge berührt wurde, wandte daraufhin sein Schwert gegen seine Kameraden. So geschah es, dass die Zahl der Kämpfenden an El Gabriel Seite zunehmend wuchs. Diejenigen der Feinde, die auf ihn einschlugen, sanken schwer verletzt oder tödlich getroffen zu Boden, kaum erfassend, was mit ihnen passierte. El Gabriel versuchte so gut er konnte die Angriffe abzuwehren, weil er seinen Gegnern den Überraschungstod ersparen wollte. Seine Kameraden sahen ihn wie ein Löwe kämpfend und seine Gegner entweder in den Staub sinken oder unmittelbar nach ihrem Angriff sich auf seine Seite schlagend. Viele Soldaten Cal Brightons ergriffen die Gelegenheit und folgten ihren Beispielen, obwohl sie vom Schwert El Gabriel gar nicht getroffen worden waren. O'Briens Männer und die Zwerge wurden vom Geist des Jungen erfasst und wurden für ihre Gegner unüberwindbar. Dann geschah das Unglaubliche, Cal Brighton stand dem Jungen plötzlich persönlich gegenüber. Grimmig blickte er El Gabriel an, aus seinen Augen blitzte Mordlust. Ein Kampf auf Leben und Tod begann, wobei kurioser Weise beide nur um ein Leben kämpften, um das Cal Brightons. El Gabriel wollte den Gegner um jeden Preis schonen, und so musste er vermeiden, dass dieser ihn trafen. Wenn es ihm gelang ihn zu besiegen, wäre die Schlacht beendet – das wusste er. Wenn jemand seiner Kameraden ihm zu Hilfe eilen wollten, befahl er ihnen sich zurück zu halten. Brighton war ein erfahrener Kämpfer, so dass El Gabriel ihn mit seinem Schwert verfehlte, wenn er auf ihn einschlug. Umgekehrt gelang es dem Jungen, den Schlägen des Agil Sacha Führers auszuweichen. Beide standen sich gegenüber und belauerten sich. Dann erhob Brighton blitzschnell sein Schwert, um im nächsten Moment die Klinge herunter sausen zu lassen. Der Junge reagierte schnell und trennte mit seinem Anhánicumschwert die Klinge des Gegners vom Schaft, als wäre der Stahl eine Bananenmasse. Cal Brighton blickte verwundert auf den Rest, den er in der Hand hielt. Diesen Augenblick der Überraschung nutzte El Gabriel und stieß dem Gegner die Klinge in die Brust. Cal Brighton schaute ihm in die Augen; diese hatten jeglichen Ausdruck von Mordlust verloren. Der Junge zog ihm die Klinge aus der Brust. Einer der Offiziere der Agil Sachas eilte zu seinem Kommandanten. Als dieser sein Schwert gegen El Gabriel erhob, stoppte Brighton ihn mit den Worten:
„Lass ab, gib mir dein Schwert.“
Der Offizier glaubte, dass dieser die Aufgabe selbst erledigen wollte und überreichte ihm süffisant grinsend sein Schwert. El Gabriel stand ruhig dabei und wartete ab. Das Kampfgeschehen hatte aufgehört, alle Augen waren auf die Beiden gerichtet.
Sobald der Kommandant das Schwert empfangen hatte, kniete er vor El Gabriel nieder und legte ihm das Schwert zu Füßen.
„Hiermit schöre ich, dir mit meinen Männern treu zu dienen und werde dir auf Befehl bis in den Tod folgen.“
„Das wird nicht nötig sein“, antwortete der Junge, „ich gebe dir nur einen Befehl: Gib die besetzten Gebiete Erins frei und zieht in Frieden zurück in euer Land. Entlasse deine Krieger zu ihren Familien.“
„Wie du befiehlst, Herr, aber, wenn du mich eines Tages rufen solltest, werde ich zu dir eilen und an deiner Seite kämpfen.“
„So sei es“, sagte der Junge Held, „und nun ziehet in Frieden.“
Viele Augen sahen die Legende Anháns sich erfüllten. Die Schlacht ist als das Wunder von Coilte Anhán in die Legenden eingegangen. Bereits eine Woche später hatte Cal Brighton alle eroberten Gebiete Erins freigegeben und war mit den meisten seiner Leute in seine Heimat zurückgekehrt. Viele aber hatten sich mit den Einwohnern angefreundet und Erin zu ihrer Heimat gemacht. Die Geschichte über das Wunder von Anhán endet hier, nur eines gibt es noch zu sagen. Die schöne Al Dorin hat ihre Unsterblichkeit aufgegeben, und El Gabriel hat sie zur Frau genommen. Das ist das eigentliche Wunder. Al Dorin hat aus Liebe die Sterblichkeit gewählt, und dieses Opfer wird noch in den Legenden stehen, wenn das Wunder von Coilte Anhán schon lange bis zur Vergesslichkeit verblasst ist.“

Als Seán endet, blicken er und Saoirse sich tief in die Augen, Tränen rinnen an ihren Wangen herunter. Sie haben die Welt um sich herum vergessen und auch den Barden, der mich krächzender Stimme Countries singt, nehmen sie nicht wahr. Dann bricht Saoirse das Schweigen:
„Das ist eine wundervolle Geschichte und ich bin tief beeindruckt. Jetzt können die Menschen hier über dich erzählen, was sie wollen. Was immer du auch angestellt hast, es kann nichts wirklich Böses sein. Wer eine solche Geschichte mit so viel Gefühl erzählt, muss im Grunde gut sein.“
Seán lächelte verlegen:
„Danke für so viel Vorschussvertrauen, aber willst du nicht erst einmal hören, was man über mich erzählt?“
„Nicht heute“, erwidert Saoirse, „ich möchte den Zauber deiner Geschichte noch ein wenig auskosten.“ Sie lächelt als sie hinzufügt:
„Du kannst morgen auf deine Sünden zurückkommen, wenn du möchtest; aber du bist mir wirklich keine Rechenschaft schuldig.“
„Ich will darauf zurückkommen, und ich glaube, du hast ein Recht darauf, weil ich mich in dich verliebt habe und meine Freundin soll alles über mich wissen.“
Als er diese Worte sagt, spürt sie das Grummeln in ihrem Bauch stärker, als es ohnehin schon war.
„Ich weiß noch nicht, wie sich Liebe anfühlt“, antwortet sie, „aber wenn es das ist, was ich spüre, glaube ich gibt es keinen Zweifel, ich habe mich auch verliebt.“
Seán hält ihre Hand fest in seine und schaut sie an. Die nächsten Minuten bedürfen keiner Worte, die Augen erzählen alles. Die Welt um sie herum scheint nicht zu existieren.
„Der Unterhalter hat sein Whiskey in the Jar beendet, das er als Tribut an die zahlreichen Touristen gezollt hat; Irlandbesucher erwarten traditionelle Irish Music und es scheint sich hier noch nicht herum gesprochen zu haben, dass nicht nur der Ruhm der Dubliners die Insel verlassen hat. Verheißungsvoll kündigt der Sänger die Wild Rover an, den letzten Song, den er sich vor dem obligatorischen Sinne Fianna Fáil noch abringen wolle. Als er beginnt, reißt er die Verliebten aus ihrer Versenkung; es gibt schlechtere Gründe zu gehen.
Es ist halb Elf, als sie auf der Market Street stehen, zu früh um den Abend zu beenden. Das No–ne-never aus dem Lokal dringt nicht mehr bis hier, doch der Trubel im Städtchen erreicht seinen Höhepunkt; es ist hier kaum stiller als im Lokal. Seán hat beide Arme um Saoirse geschlungen, sie hat ihre an seine Taille gelegt. Sie bekommt den ersten Kuss ihres Lebens; die laut sich amüsierenden Nachtmenschen der Stadt existieren nicht. Sie sind nicht Zwei und nicht Eins, nicht Sänger und nicht Musik, nicht Tänzer und Tanz; sie sind, und sind Universum.
Jetzt weiß Saoirse, nein, sie weiß nicht, sie erlebt, was Liebe ist. Sie hat gelebt wie der Frosch, der in der Wiese sitzt, neben den schönsten Blumen, und doch nicht weiß, wie Honig schmeckt. Jetzt ist sie Biene und kostet das süße Aroma der Liebe. Nach einer kleinen Ewigkeit beginnt für die Beiden wieder die Zeit, das Raumschiff kehrt zurück doch das Gefühl der Unendlichkeit bleibt, als ihre Lippen sich lösen.
„Ich liebe dich“, haucht sie und muss nicht mehr nachdenken, es fühlt sich richtig an.
„Musst du heute nacht zurück?“ fragt der leise, als ob er den Zauber, der sie umgibt, nicht durchbrechen will.
„Um nichts in der Welt“, flüstert sie.
„Ich habe nur ein kleines Appartement, du weißt, dass ich eigentlich in Dublin lebe.“
„Ein Seerosenblatt würde gut für uns sein“, sagt sie.
„Oder eine Wiese?“, erwägt Sean „eine Wiese als Bett, das Dach aus Sternen und Musik vom Orchester des Maestro Natur.“
„Ich weiß, wo diese Herberge liegt“, sagt Saoirse mit immer noch gedämpfter Stimme. „Die Liegestatt ist weich und duftig, das Dach mit Millionen Diamanten bestückt; ein großer Meister dirigiert das Konzert der Solisten, wunderbare Musiker wie der Fluss, der Wind und die Tiere.“
„Ja“, sagt Sean, „dort wollen wir übernachten.“
„Es sind zwanzig Minuten hinunter zur Glore“, sagt sie, „lass uns nur eine Decke mitnehmen, weil es dort in der Nacht selbst im Sommer verhältnismäßig kühl werden kann.“ „Ich habe Schlafsäcke daheim“, sagt er, „damit sollte es uns warm genug sein.“
„Dann lass uns keine Zeit verlieren“, fordert sie ihn lächelnd auf. Ein freudiger Schauer durchfährt ihren Körper; allein mit ihrem Geliebten an einem ihrer Lieblings-Orte übernachten bedeuten für sie in diesem Moment das höchste Glück.
Wenig später befinden sie sich auf dem Weg, passieren Cultrasna und Corrib und passieren das letzte Häuschen, wonach es steil hinunter zum Fluss geht. Die letzten Meter bis zur Brücke laufen sie ausgelassen und lachend. Übermütig wirft er die Schlafsäcke hinüber und springt mit einem Satz über die Bruchsteinmauer am Ende der Brücke. Galant reicht er ihr seine Hand. Obwohl sie schon viele Male allein hier hinübergeklettert war, nimmt sie seine Hilfe gerne an. Von der Mauer lässt sie sich vertrauensvoll in seine Arme fallen, er hält sie fest umschlungen und küsst sie; willig öffnen sich ihre Lippen. Sie schlendern Hand in Hand den Fluss entlang, der links von ihnen tosend seine Anwesenheit verkündet.
„Lass uns hier bleiben“, sagt sie, als hohes Gras ein angenehmes Liegen verspricht. Er entrollt die Schlafsäcke und breitet sie auf dem Boden aus.
„Wir wollen eine Weile sitzen und lauschen“ sagt er leise. Sie lassen sich in den weichen Stoff sinken und schauen, eng umschlungen, Wange an Wange, in die tobende Glore. Kein Wort ist nötig, weil beide das gleiche fühlen. Es ist fast windstill, das leise Fächeln der Luft geht im Flussrauschen unter. Die Nacht ist klar und das Panorama der Sterne verwebt sie in die Unendlichkeit. Wenn es ein höchstes Glück gibt, so ist es das, was sie beide jetzt empfinden.
„Ich kann die Schlafsäcke zu einem Großen verbinden“, sagt er nach einer Weile, „oder möchtest du deinen eigenen?“
„Mache einen großen“, erwidert sie. Minuten später liegen sie eng gekuschelt aneinander. Obwohl sie voll angekleidet sind, spürt sie seine Erregung. Saoirse weiß, was es ist, schon früh hatte die Maisa sie aufgeklärt: Doch es ist etwas anderes davon zu hören, und es zu fühlen. Sie erinnert sich, was die alte Maisa ihr von der Liebe gesagt hat. Ja, sie wünscht sich das, eng vereint mit ihrem Liebsten.
„Wollen wir es tun?“, flüstert sie.
„Es gibt nichts, was ich mir mehr wünsche“, antwortet er und sie spürt seine Erregung stärker.
„Ich darf es aber nicht, nicht jetzt“, fährt er fort.
„Was hindert dich?“, fragt sie Seán.
„Das Unausgesprochene“, sagt er, „ich kann es nicht, bevor du mich kennst, und ich darf es auch nicht aus anderen Gründen.“
Saoirse ist etwas enttäuscht, wenn sie es nicht mit Seán erfahren kann, mit wem dann? Doch sie sagt sich, dass Seán triftige Gründe haben wird.
„Lass es gut sein“, sagt sie, „wir werden morgen reden und du sagst mir, was du Schlimmes getan hast. Jetzt aber denken wir nicht daran, die Nacht ist zu schön.“
Eng schmiegt sie sich an ihn und genießt die Wirkung. Lange liegen sie dort und immer wieder ergeben sie sich in heftigen Küssen, bis sie der Schlaf umfängt.
Es ist schon heller Morgen, als ein über die Brücke donnernder Riesentraktor sie aus dem Schlaf holt. Sie liegen noch immer umschlungen und schauen sich überrascht an. Es wird ihnen erst langsam bewusst, wo sie sich befinden.
„Guten Morgen, meine Liebste“, sagt er lachend, als sie ihre Augen öffnet, wie hast du in unserer Herberge geschlafen?“
Sie räkelt sich und antwortet:
„Phantastisch, das beste Bett, der Welt. Jetzt habe ich aber einen Bärenhunger.“
„Gut“, sagt er, „ich lade dich bei mir zum Frühstück ein; wir müssen nur Toast, Rashers, Eier, Sausages besorgen.“
„Und Kaffee“, sagt sie.
„Und Milch“, ergänzt er.
„Ist es nicht einfacher ins Frühstücks-Cafe zu gehen?“
„Du hast Recht, wesentlich einfacher“, sagt er; „es herrscht außerdem Chaos bei mir, zu groß für meine Liebste.“ In Marys Coffee Shop halten sie ihren Mug Kaffee mit beiden Händen umschlungen und schauen sich wortlos an. Formlose Gedanken durchschwirren ihren Kopf, der Nachklang einer zauberhaften Nacht. Mary serviert selbst, ein reichhaltiges Irish Breakfast mit einem lächelnden „Lovely Day“.
„Beautiful“, kommt die Antwort gleichzeitig über ihre Lippen; verträumt erwidern sie Marys Lächeln. Mit gutem Appetit verzehren sie ihr Frühstück, Sean hilft bei ihr noch ein wenig aus; zusammen lassen sie keinen Rest. „Ich habe hier im Dorf ein Auto!“, sagt er, „das Wetter ist schön, lass uns hinüber nach Enniscrone fahren. Am Atlantik sind wir allein und dort kann ich mit dir reden, kennst du den wunderschönen Strand in der Killala Bay?“
„Es ist lange her, seit ich mit meinen Eltern und Geschwistern dort war, ich glaube, ich war noch zu klein, um mich zu erinnern.“
„Um so besser“, erwidert er, „bei dieser Sonne heute kannst du die Diamanten am Strand glitzern sehen; vielleicht erinnerst du dich doch noch an „Diamant Valley.“
„Ich weiß, dass man es so nennt“, sagt Saoirse, „wegen des Glitzerns. Ich habe heute am Tag noch Zeit, es würde mich freuen mit dir hinzufahren.“
„In etwa einer Stunde sind wir dort“, sagt Seán, „lass uns keine Zeit verlieren.“
Sie erheben sich und er zahlt das Frühstück. Wenige Minuten später rollt Seáns alter Volvo bereits über die Bohola-Road. Später passieren sie Foxford und Ballina und fahren nun den River Moy entlang in Richtung Enniscrone.
Saoirse spürt eine sich zunehmend aufladende Spannung und sie weiß, dass es aus ihm heraus will, sie überlegt, wie sie ihm helfen könnte.
„Ich habe keinen guten Ruf in Kiltimagh“, beginnt Sean.
„So weit waren wir schon einmal“, erwidert Saoirse mit einem Lächeln, und dann hat sie eine Idee, wie sie es ihm leichter machen könnte. Deshalb fährt sie fort:
„Menschen haben Vorurteile, ich habe es am eigenen Leibe erfahren. Auch ich habe dir und den anderen nicht alles über mich erzählt. Die Menschen haben auch Vorurteile gegen meinesgleichen.“
Seán blickt sie kopfschüttelnd an.
„Welche Vorurteile sollte man gegen dich schon haben? Bei mir ist der Ruf zum Teil sogar gerechtfertigt, zumindest, wenn man die Hintergründe nicht kennt.“
„Das ist das gleiche bei mir“, beharrt Saoirse, „ich habe auch einen Ruf, oder besser gesagt, nicht ich allein, sondern meine ganze Sippe.“
Seán scheint vergessen zu haben, was er sagen wollte; er scheint amüsiert zu sein.
„Seid ihr eine Verbrecherfamilie“, fragt er scherzend, doch Saoirse lacht nicht.
„Viele werden es so sehen“, sagt sie. Sie bemerkt Seáns Verwirrtheit; er ist überrascht, mit welcher Ernsthaftigkeit sie dies gesagt hat. Sie fährt fort:
„Ich bin eine Tinkerin.“
In diesem Augenblick spürt sie, wie gut es tut, zur eigenen Herkunft zu stehen.
„Du?“, entfährt es ihm, „du siehst gar nicht so aus.“
„Siehst du? Du hast auch Vorurteile, wie müssen Tinker denn aussehen?“ „Du hast Recht“, antwortet Seán kleinlaut, „das war eine dumme Bemerkung.“
„So dumm war sie gar nicht“, erwidert sie, „was sollst du auch sagen, wenn du uns nur vom Sehen kennst. Wahrscheinlich bist du mit den Geschichten aufgewachsen, die über uns erzählt werden, und zum Teil sind sie vielleicht sogar wahr. Tatsache ist, dass es auch bei uns Gut und Schlecht gibt. Menschen neigen dazu das zu sehen, was sie sehen wollen. Bei uns haben sie entschieden das Schlechte zu sehen. Wir sind Menschen, vor denen sich die Aufrechten schützen müssen. Ich habe vor vielen Jahren selbst erlebt wie Kaufleute ihre Läden verschlossen, als ich mit meinen Brüdern in die Stadt ging. Ich als Tinkerin habe also auch einen schlechten Ruf, unabhängig davon, ob ich gut oder schlecht bin.“
„Ich kenne euren Ruf“, sagt Seán, „aber du bist persönlich nicht dafür verantwortlich wie ich für meinen. Ich meine, du hast keinen eigenen schlechten Ruf. Im Übrigen, es spielt für mich keine Rolle, ob du Tinkerin oder etwas anderes bist; du bist das Mädchen, das ich liebe, alles weitere ist Zweitrangig.“
„Siehst du?“, antwortet sie, „auch meine Gefühle zu dir werden sich nicht ändern, wenn du mir über deine Untaten berichtet hast. Doch schau, ich glaube, wie sind am Ziel.“
Tatsächlich fahren sie gerade in Enniscrone ein, linker Hand liegt einladend der weiße Strand. Seán lenkt den Wagen durch eine Art Zufahrt, und dann liegt die weiße, glitzernde Pracht vor ihnen. Weit fährt er am Ufer entlang, fast bis dort, wo die Moy in den Atlantik mündet. Trotz dieses herrlichen Wetters ist der Strand hier unten menschenleer. Mit einem Linksschwenk fährt er ein Stück auf die Dünen zu und hält an.
„Lass uns ein Stück am Strand entlang laufen“,sagt er, „dann fällt es mir leichter.“
Sie ziehen Schuhe und Strümpfe aus und schlagen ihre Hosenbeine hoch. Händchen haltend waten sie durch das Wasser, so dass die brechenden Wellen an ihren Waden klatschen. Das Rauschen von Meer und Wind dringt tief in sie ein. Lange Zeit fällt kein Wort, zu sehr sind sie gefangen in dieser Atmosphäre. Sie wissen nicht, wie lange sie gelaufen sind, als er sie sanft in Richtung Dünen zieht. Hier führt ein schmaler, glitzernder Pfad den Sandhügel hinauf.
„Es sieht tatsächlich wie ein mit Diamanten durchsetzter Weg aus“, durchbricht Saoirse die heilige Stille. „Ja“, sagt er geistesabwesend, „hier ist es richtig.“ Sanft zieht er Saoirse zu sich hinunter in den Sand. Das Meeresrauschen scheint hier weit entfernt und auch der Wind hat seine Macht verloren; es ist still rings umher. „Ich darf dich nicht lieben“, beginnt er unvermittelt, „und doch kann ich es nicht lassen.“
Sie nimmt seine Hand und drückt sie. Was immer er sagen würde, sie ist entschlossen, ihn nicht zu unterbrechen. „Es stimmt“, fährt er fort, „an meinem Ruf trage ich eine gewisse Mitverantwortung, obwohl es die Leute eigentlich nichts angeht. Ich habe die eine oder andere Affäre gehabt, nicht in Kiltimagh, aber in Balla und in Swinford. Es spielt aber keine Rolle, derartige Dinge verbreiten sich hier sehr schnell, auch über Stadtgrenzen hinweg, gerade in meinem Status.“
Er macht eine Pause, so als ob er sich seines Status bewusst werden müsse. Saoirse unterbricht nicht, obwohl sie seine Qual bemerkt, geduldig wartet sie ab. Lange sitzt er da und sagt nichts, er scheint weit, weit weg zu sein. Saoirse schweigt.
Dann sagt er plötzlich:
„Ich habe in Dublin eine Frau und zwei Kinder.“
Saoirse fühlt, wie der Boden unter ihr zu schwinden beginnt. Sie fühlt sich schwach, etwas krampft sich um ihr Herz; doch sie schweigt.
„Ich liebe meine Frau“, fährt er fort, „und vor allem meine Kinder. Die Menschen in Kiltimagh wissen von ihnen, ich habe es nicht erzählt, doch der Wind hat es herüber getragen. Bisher war es o.k., die Affären waren für mich kein Widerspruch, sie bedeuteten mir nichts. Du musst wissen, das Sexuelle zwischen mir und meiner Frau hat in den letzten Jahren stark nachgelassen, mit anderen Worten, es läuft in dieser Beziehung nicht viel zwischen uns. Das ändert nichts an meiner Liebe zu meiner Frau, aber der Körper des Mannes entwickelt unwiderstehliche Bedürfnisse; daher also mein Ruf. Mit dem Ruf aber hat es so seine Bewandtnis, die Frauen im Dorf verachten oder hassen mich sogar, weil sie sich selbst in der Rolle der Betrogenen sehen. Die Männer bewundern mich still und teilweise auch offen, weil ich ihnen etwas vorlebe, wozu sie sich selbst nicht trauen. Aber lassen wir das, es ist hier nicht Thema. Mein Dilemma begann mit dir. Ich hätte nicht erwartet, dass so etwas passieren kann; doch ich habe mich in dich verliebt. Es ist aber nicht wie im Film, stereotyp: Mann liebt seine Frau, trifft eine neue Frau, verliebt sich und Schwupps ist die Liebe zur alten Frau verschwunden. Nein, ich habe mich in dich verliebt, doch wenn ich an meine Frau denke, ist die Liebe zu ihr nicht weniger geworden. Ich bin in eine ausweglose Situation hineingeraten. Ich wünsche mir nichts mehr, als den Rest meines Lebens mit dir zusammen zu leben, doch das möchte ich auch mit meiner Frau und erst recht mit meinen Kindern. Gleichzeitig aber weiß ich, dass es unmöglich ist. Was soll ich nur tun.“
Saoirse hält immer noch seine Hand, nur fester als zuvor. Sie spürt einen Schmerz, wie sie ihn nie zuvor gespürt hat. Sie hatte geglaubt, dass nichts sie erschüttern würde, was immer Seán ihr erzählt. Nun sitzt sie, tief getroffen, spürt Hass gegen die unbekannte Frau in sich aufsteigen, oder ist es das, was die alte Maisa Eifersucht nennt? Sie fühlt, dass dieser Hass Unrecht ist. Oh wäre die Maisa doch hier, nie hatte sie diese mehr gebraucht als in diesem Moment. Sie überlegt, was die Alte ihr hier raten würde. Sie erinnert sich, sie hat es ihr bereits gesagt: ‚Höre auf dein Herz.'
Doch ihr Herz ist eine Mischung aus Schmerz, Hass und Verzweifelung. Der Ruf des Herzens ist leise, hat die Maisa gesagt.
Seán hat schon lange geschwiegen; er traut sich nicht sie anzublicken. Sie legt ihre Hand auf seine Wange und dreht seinen Kopf zu sich, zwingt ihn, sie anzuschauen.
„Mein armer Liebling!“, sagt sie, „ich möchte nicht an deiner Stelle sein.
Ich weiß jetzt alles über dich, was immer jetzt passiert, es ist nichts falsch. Komm, lass uns miteinander schlafen, hier und jetzt, aber du musst mir helfen. Für mich ist es das erste Mal.“
Überrascht schaut er sie an und sagt:
„Aber nach allem, was ich dir erzählt habe?“
Sie legt den Zeigefinger auf seine Lippen.
„Das ist hier und jetzt nicht wichtig, mache mich zu deiner Frau.“
Sie fasst mit der Hand unter sein T-Shirt und fährt zart über seinen Bauch, seine Brust. Langsam erheben sich seine Hände, um sie zu umarmen, erst zaghaft, dann gewinnt der Mann in ihm die Oberhand.
Lange danach noch liegen sie im warmen Dünensand, eng umschlungen.
„Jetzt bist du mein Mann“, sagt sie.
„Ja“, sagt er.
„Ich gebe dich frei“, fährt sie fort, „du wirst zu deiner Frau und deinen Kindern gehen. Wir beide bleiben Mann und Frau, doch du wirst mit deiner Familie leben. Du hast für alle Zeiten einen Platz in meinem Herzen, niemand wird dich dort verdrängen. Doch wenn wir zurück sind, in Kiltimagh, werden sich unsere Wege trennen. Ich werde nicht zurückkehren nach Kiltimagh. Was immer ich gesucht habe, ich habe es gefunden. Vielleicht habe ich Glück und werde ein Kind von dir unter meinem Herzen tragen.“
Sanft löst sie sich aus seiner Umarmung.
„Komm, mein Liebster, lass uns zurück fahren.“
Sean war wie benommen; doch jetzt protestiert er:
„Aber das kann doch nicht dein Ernst sein, wir können uns nicht trennen; wir müssen zusammen bleiben, ich liebe dich.“
„Ich weiß“, erwidert sie, „ich liebe dich auch, mehr als sonst jemanden auf dieser Welt, doch nur wenn wir uns trennen, haben wir eine Chance unsere Liebe zu erhalten. Ich muss auf dich verzichten, weil ich dich liebe, es gibt keinen anderen Weg. Lass es uns nicht noch schwerer machen, ich werde leiden, unendlich leiden. Ich weiß, dass es für dich nicht einfacher sein wird.“
Sie reicht ihm die Hand.
„Lass uns zurück fahren.“
Apathisch erhebt sich Sean und sie gehen zurück zum Auto. Er zieht sie noch einmal an sich und sie küssen sich leidenschaftlich. Unterwegs hält er krampfhaft das Lenkrad umklammert.
„Wir finden einen Weg“, sagt er, „es ist alles besser als sich zu trennen; wir bleiben zusammen, du wirst sehen.“ „Natürlich, mein Geliebter“, doch Saoirse versteht darunter etwas anderes als er. Als sie in Kiltimagh eintreffen, hat Saoirse noch ein paar Stunden Zeit, bis ihr Vater sie an der Kirche abholt.
„Lass uns die wenigen Stunden, die uns noch bleiben, nutzen, damit du etwas über mich und meine Sippe erfährst; du musst den Menschen kennen, den du für den Rest deines Lebens lieben wirst.“
Saoirse war sich sicher, dass Sean sie ebenso liebt wie sie ihn, überzeugt, dass die Trennung diese Liebe für immer konservieren wird. Sie weiß, dass er in diesem Moment nicht an diese Trennung glaubt; sie lässt ihm die Illusion.
Im Joices berichtet sie ihm über das Tinkerleben, ihre Eltern und vor allem über die alte Maisa. Die Zeit vergeht schnell und Seán möchte sie festhalten, als die Stunde gekommen ist. Saoirse erhebt sich, beugt sich zu ihm hinunter und küsst ihn leidenschaftlich.
„Lebewohl, mein Geliebter, danke, dass du mich zu deiner Frau gemacht hast. Gott segne und schütze deine Frau und deine Kinder, und vor allem, dich.“
Er versucht, sie am Arm fest zu halten, doch sie löst sich und verlässt das Lokal, ohne sich noch einmal umzudrehen. Laut weinend läuft sie durch die Nacht; es stört sie nicht, dass die Menschen sich zu ihr umdrehen. An der Kirche steht bereits das Auto ihres Vaters, doch als sie näher kommt, sieht sie, dass er nicht allein ist. Auf der Rückbank sitzt die alte Maisa. Die letzten Schritte stürzt Saoirse wie in Panik auf das Auto zu, reißt die hintere Tür auf und stürzt sich weinend in Maisas Arme:
„Oh Maisa, warum hast du mir nicht gesagt, wie weh es tut, wenn man den Ruf seines Herzens hört.“


© Erich Romberg
Dezember 2002
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