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Die schwarze Frau

Eine Beobachtung









Die schwarze Frau

Kalt umfasst die knöcherne Hand das warme Herz. Ein paar Mal wabbert es noch gegen den zunehmenden Druck an; dann hat sie ihm das Leben ausgepresst. Der Zellenbrei im Kopf hat noch einmal die Chance zu erkennen, eine nicht gekannte Angst durch den Körper zu jagen; dann gibt er ihn zur Verwesung frei.
Der Mittelpunkt des Universums ist tot.
Wenige Tage später läuft eine weinende schwarze Frau hinter dem Sarg, den sechs Männer den Weg zum Grab hinuntertragen. Die meisten Augen sind auf sie gerichtet, die zu den Augen gehörenden Gehirne auf sich selbst. Der scharfe Beobachter erkennt in dem Leid der schwarzen Frau eine Art Wollust; endlich ist sie der Mittelpunkt der Welt; doch zu Ehren dieser armen Hinterbliebenen muss gesagt werden, dass sie von ihrer Wollust nichts weiß. Je mehr sie die Blicke auf sich spürt, um so intensiver sind ihr Leid und ihr Schluchzen.
Unzählige Male hat sie in den Tagen zuvor ihre Geschichte erzählt: wie er sich an die Brust fasste, seinen Schmerz hinausschrie und bebend wimmerte: „Ich muss doch nicht sterben?“
Die täglichen Details vor diesem Schicksalssatz waren mit einem Mal immens wichtig: was er getan hat, eine Minute vorher, eine Stunde vorher, am Morgen; was er gegessen hat, gesagt hat. Im Wohnzimmer stritten sich die Nachbarn, wer ihn zuletzt gesehen hat, was sie da zu ihm gesagt haben, was er zu ihnen gesagt hat. Die schwarze Frau schenkte Kaffee und Korn aus. Der Nachbar von gegenüber erzählte nach dem fünften Korn die dritte Variante seiner Unterhaltung mir ihm am Gartenzaun, eine halbe Stunde, bevor es passierte.
Die Frau von nebenan hatte noch am Vormittag mit ihm geredet. Dann erzählte die schwarze Frau wieder ihre Geschichte, die an Details zunimmt. Jeder hatte auf seine Weise dem Tod höchstpersönlich in die Augen geschaut. Nach dem siebten Korn erzählte der Nachbar von gegenüber nur noch die Geschichte vom Tode seiner Mutter vor zehn Jahren; da war er noch näher dran. Plötzlich war er mit dem aufdringlichen Klang seiner Stimme solange der Mittelpunkt, bis die Witwe wieder in ein lautes Schluchzen fiel.
„Er war ja noch so jung“, schrie sie. Die mitleidgeschwängerten Augen der Anwesenden hefteten sich wieder auf sie. Gegen den nahen Tod hatte der Nachbar mit seiner toten Mutter heute keine Chance.
Am Grabe genoss die schwarze Frau noch einmal final ihr Leid, als sich der Sarg in die Grube senkte. Alle Augenpaare waren auf sie und den Sarg gerichtet. Der Nachbar stand als einer der Sargträger ganz vorne und sah wahrscheinlich seine Mutter im Loch verschwinden. Der Reihe nach traten bekannte und unbekannte Anteilnehmer an die Grube, warfen ihre Blume auf den Sarg und schüttelten der schwarzen Frau die Hand. Einige machten es still, andere hauchten nur ein „Herzlich Beileid“, und einige wenige hielten statementartige Kurzvorträge. Nachdem diese Zeremonie abgeschlossen war, sollte nichts mehr so sein wie vorher. Die Gedanken der Trauergemeinde konzentrierten sich längst auf den Leichenschmaus, der in einer nahegelegenen Gaststätte auf sie wartete.
Kaum jemand beachtete auf dem Weg vom Friedhof zur Gaststätte noch die still vor sich hinweinende schwarze Frau.

© Erich Romberg, März 2001

Steppenwolf
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