HOME

Im Regionalzug

Eine Kurzgeschichte




Im Regionalzug

Ich sitze allein im Abteil; um diese Zeit gibt es wohl niemanden, der in eine der Nachbarstädte reisen möchte. Von den am Bahnsteig Wartenden steigt keiner in diesen Zug.

Mit gleichgültigen Gesichtern schauen die Männer und Frauen in die verschiedenen Richtungen; einige von ihnen blicken mich an und sehen mich dennoch nicht; ihr Gesicht ist in die Ferne gerichtet; der Zug scheint nicht zu existieren, es ist nicht ihr Zug; ich bin nicht wirklich, bin unsichtbar für sie.

Es ist nicht einer von diesenBahnsteigen, auf dem strahlend lachende Gesichter die Ankommendenempfangen und ihren Lieben im überschwang der Freude die großenKoffer abnehmen; auf dem Liebende sich mit freudenassen Augen indie Arme schließen, um den Langvermißten mit einem einzigen herzlichen Druck all die aufgestaute Sehnsucht in den Leib zu pressen. Auf diesem Bahnsteig trennen sich auch nicht die Menschen, deren traurigen Augen nicht recht zu ihrem Lächeln passen wollen und die wider besseren Wollens den Liebenden den Abschied nicht erleichtern. Man findet hier weder die Tränen, die der Abschiedsschmerz offen über die Wangen rinnen läßt, noch jenes belanglose Geschwatze, mit dem aus Fenstern gebeugte Angehörige ihre Beklemmung in der Brust lösen wollen; doch werden die Zurückbleibenden allein im Auto vielleicht von ihrem Schmerz übermannt, und der Reisende wird sich mit der Erwartung auf sein ein- oder zwei- Tagereisen entfernt liegendes Ziel trösten, indifferent zwischen Freude und Traurigkeit.

Auf diesem Bahnsteig, der sich nun langsam an meinem Zug vorbeischiebt, halten sich nur wenige, scheinbar gefühllose Wesen auf, alle mit in die Ferne oder auf den Boden gerichteten Blicken. Die Reise meines Zuges beginnt in Köln und endet in Hamm, nicht lang genug, um Menschen an der nächsten Station sich dazugesellen zu lassen, scheinbar keine Notiz von mir nehmend; um nach ein oder zwei Stunden einen scheuen Blick auf mich zu wagen, wenn ich das erste Mal meine Augen von meinem Buch löse und nicht aus dem Fenster, sondern in das Abteil schaue. Er oder Sie oder ich finden bald vorsichtige und höfliche Floskeln, und eine Stunde später hat sich eine herzliche Reisebekanntschaft entwickelt, von der man in einer weiteren Stunde alles zu wissen glaubt.

Da gab es: den quirligen Analphabeten, der als erfolgreicher Geschäftsmann auf einer Dienstreise unterwegs war; das alte Ehepaar, das zum ersten Mal seine in Prag lebende Tochter besuchte, um sie nach zweijähriger Abstinenz endlich wieder einmal in die Arme zu schließen; die vor Vergnügen quietschende Medizinstudentin, der nach erfolgreich bestandenem Physikum eine Soloreise nach Rom gestattet wurde; den Weltenbummler mit dem großen Rucksack am Beginn seiner Reise nach China, die langen schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden, das dunkle Glänzen seiner freundlichen Augen aus der Tiefe die fernen Länder widerspiegelnd, die sie in ihren jungen Jahren bereits erblickt hatten. Meine Fahrt dauert keine Stunde, zu kurz, um derartige Bekanntschaften zu schließen, Zusammentreffen, die nur im Augenblick ihre Bedeutung zu haben scheinen und die dennoch unser Leben so unendlich bereichern.

In mein Abteil tritt zögernd ein junger Mann, kaum eine zehntel Sekunde huscht sein Blick zu mir herüber. Er macht drei bis vier Schritte in meine Richtung, seine Augen schweifen über die vielen freien Sitze im Abteil, den von mir besetzten Platz mit seinem Blick meidend. Er besinnt sich und nimmt seine Schritte zurück, um sich an das entfernteste Ende des Abteils unsichtbar für mich zu setzen. Ich schaue aus dem Fenster, der Bahnsteig ist bereits verschwunden; in einiger Entfernung ziehen Lagerhallen und Hinterhöfe an mir vorüber. Vom soeben verlassenen Bahnhof her nähert sich ein Zug; ehrgeizig müht er sich, meinen einzuholen. Vertraulich schiebt er sich auf das Nachbargleis und schon bald passiert der Triebwagen mein Abteil. Er ist jetzt nur noch ein wenig schneller und im Schrittempo zieht der erste Wagen des gegnerischen Zuges an meinem Fenster vorbei. Die Abteile sind menschenleer; eine schlechte Tageszeit zum Reisen. Schneckengleich müht sich nun der zweite Wagen an meinem Fenster entlang; ich brauche nur die Hand ausstrecken und könnte diese fremde Welt ergreifen. Vom gegenüberliegenden Fenster blickt mich ein ordentlich frisierter Mann mit einer dünnrahmigen Brille an. Er scheint erschrocken, starr schaut er mir beinahe vier Sekunden in die Augen; dann wendet er unvermittelt sein Gesicht ab und schaut nunmehr ebenso starr auf den gegenüberliegenden Sitz seines Abteils, als wäre das Gespenst, das er in mir erblickt zu haben glaubte quantenartig in sein Abteil übergesprungen. Die fremde Welt zieht an mir vorüber, kaum merklich aber doch stetig. Am Fenster des nächsten Abteils drücken sich zwei Kindernasen an der Scheibe platt. Als sie meinen Blick auffangen, verziehen sich ihre Münder zu einem herzhaften Lachen; sie ziehen ihre Nasen zurück und winken mir zu. Ich muß ebenfalls lachen und erwidere den Kindergruß. Aus dem Hintergrund erscheinen drei weitere Kindergesichter, die vom Lachen bereits angesteckt sind. Sie beteiligen sich am Spiel der anderen. Als ich beide Hände als Tribut an die überzahl erhebe, hüpfen fünf lustige Kindergestalten vor dem Fenster herum, wild mit beiden Händen gestikulierend. Das Vergnügen läßt sich ihrerseits durch Winken nicht mehr steigern, und als werde er sich der Ungefährlichkeit eines Erwachsenen in einer unerreichbaren Welt bewußt, macht mir ein etwa elfjähriger Junge mit pfiffigen Segelohren unvermittelt eine lange Nase. Die Züge scheinen diese dramatische Komödie nicht unterbrechen zu wollen, denn sie fahren nun mit nahezu gleicher Geschwindigkeit nebeneinander her. Es bleibt mir Zeit, die lange Nase zu würdigen und so hebe ich beide Hände zum Kopf, deute mit den Zeigefingern zwei Teufelshörner an und nicke den Kindern zu. Damit treibe ich ihr Schauspiel auf einen Höhepunkt. Der Junge mit den Segelohren steckt beide Daumen in den Mund und zieht die Mundwinkel weit auseinander; mit den Zeigefingern verlängert er seine Augen zu asiatischen Schlitzen, die dabei herausgestreckte Zunge kann sein vergnügliches Kichern kaum verbergen. Ein kleines Mädchen schaut nur noch gebannt zu mir herüber, neugierig, was ich wohl als nächstes machen werde. Zwei Jungen zollen meiner letzten Geste Anerkennung, indem sie mir ebenfalls Teufelshörner zuwerfen und sich dabei vor Lachen kugeln. Das zweite Mädchen hat die lange Nase von seinem segelohrigen Kameraden übernommen; es scheint aber weniger schauspielerische Erfahrung zu haben, weil sein Gesicht ein schüchternes Lächeln widerspiegelt.

Die Züge scheinen nun einvernehmlich beschlossen zu haben, das Schauspiel zu beenden; denn plötzlich bemerke ich, daß meiner im Laufschritt am anderen vorbeizieht; entweder fährt mein Zug schneller oder der andere langsamer oder beides; wer mag das seit Einstein schon entscheiden wollen. Das Schicksal will, daß der ordentlich frisierte, schreckhafte Herr mit der dünnrahmigen Brille wiederum gezwungen ist, mir unvermittelt in die Augen zu sehen. Sein Gesicht verrät mir, daß mein Anblick für ihn nur schwer verkraftbar ist; dabei ist mir bei der Morgentoilette vor dem Badezimmerspiegel nichts besonderes an meinem Gesicht aufgefallen. Ich bin noch erheitert von meiner Begegnung mit den Kindern und kann es mir nur schwer verkneifen, dem armen Mann eine lange Nase zu machen. Die Entscheidung wird mir aber abgenommen, denn mein Blick in seine Augen ist von ihm nicht mehr zu ertragen und hastig wendet er seinen Kopf um beinahe 180 Grad, so daß ich mich wundern muß, daß er seinen Hals dabei nicht auskugelt.

Die beiden Zugführer scheinen um dieselbe Frau zu werben, denn nunmehr zieht der gegnerische Zug mit steigendem Tempo wieder an mir vorbei. Die Kinder zeigen unverhohlene Freude über die unerwartete Wiederbegegnung und winken mir quietschvergnügt wie einem alten Bekannten zu. Die gegenüberliegende Welt zieht im Schrittempo an mir vorüber, es sind kurze Begegnungen: eine alte Frau, vorbei; eine dunkelhaarige etwa dreißigjährige Frau, ein kurzer Blick, vorbei; zwei junge Burschen, vorbei; dann verringert sich wieder die Relativgeschwindigkeit und für lange Zeit scheinen beide Züge zu stehen, als einziges Indiz dagegen spricht das Rattern der Wagen. Von gegenüber blickt mich eine junge Frau mit rotblonden kurzen Haaren an. Eine Weile schauen wir uns in die Augen; sie ist ausgesprochen hübsch. Ihre Augen strahlen mir blau leuchtend entgegen. Sie lächelt mir zu und spontane Sympathie läßt mich ihr ebenfalls zulächeln. Ihr Blick ist fest und unbeirrt. Deutlich spüre ich eine unsichtbare Verbindung zwischen unseren Welten; schweigend erzähle ich ihr die Geschichte, scheinbar unabhängig beginnend und nun verbunden mit einem geistigen Band; beide Welten sind zu einer verschmolzen. Ein ihr gegenüber sitzender junger Mann schaut sie an und scheint ihr doch Lichtjahre entfernt. Ich lese aus ihren Augen, daß sie meine Geschichte versteht, und ich lese ihre wie aus einem offenen Buch. Niemals in Ihrem Leben fühlte sie sich einem Menschen näher als mir, einem Fremden in einem anderen Zug; nie war ihr Vertrauen größer; ihre Augen und ihr Lächeln offenbaren mir die tiefe Sehnsucht ihrer Frauenseele. Ich bin entwaffnet und offenbare ihr mein letztes Geheimnis, behutsam nimmt sie die Schatten des Daseins von mir. Wir wissen nicht mehr, woher wir kommen, und auch nicht, wohin wir wollen. Für uns zählt nur der Augenblick; die Welt um uns, die gibt es nicht. So wie die Freude den Schmerz gebärt, liegt im Augenblick die Vergänglichkeit.

Eine Weiche reißt unsere junge Verbindung jäh auseinander, noch schaut sie mich an. Der junge Mann ihr gegenüber wendet mir sein Gesicht zu, böse blickende Augen versuchen mich zu töten. Lebe wohl schöne Fremde, ich wünsche Dir alles Glück dieser Welt, behalte unser Geheimnis in Deinem Herzen; verrate es nicht diesem Mann mit dem vernichtenden Blick. Lebt wohl ihr Kinder, sollten wir uns wieder treffen, winken wir uns fröhlich zu. Das nächste Mal mache ich Euch eine lange Nase. Und Du, junger schreckhafter Mann aus dem zweiten Wagen?, wie froh mußt Du sein, daß nunmehr unsere Züge wieder ihrer eigenen Wege ziehen.

© Erich Romberg

Steppenwolf
Gästebuch / Guestbook
zurück