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Die Plattbootfahrt

Eine Erzählung









Eine Erzählung

Ich war in den Verein der Ehemaligen des „Hauses Michael e.V.“ eingetreten. Das Haus Michael ist ein Studentenwohnheim und die einzigen Gemeinsamkeiten der konstituierenden Mitglieder waren ein grundlegender Hass zum Hauswart und die Trinkfreude.
Ich hatte niemals im Haus Michael gewohnt und auch den Hauswart nie kennen gelernt. Die Beitrittsbedingungen waren aber sehr günstig, denn der Hass wurde mir erlassen und mit Trinkfreude konnte ich auch aufwarten. Für gerade mal zwölf Mark im Jahr war man an den drei bis vier Partys beteiligt und zweimal im Jahr wurden Fahrten organisiert. Ansonsten beschränkte sich die Tätigkeit des Vorstandes auf die Eintreibung des Beitrages. Es war mal wieder eine Unternehmung geplant und dieses Mal sollte es eine Plattbootfahrt auf dem Ijsselmeer sein. Diese Fahrt war letztendlich auch der Anlass für meinen Beitritt in den illustren Verein. Es fanden sich genug Personen, um zwei Boote zu ordern und sehr bald hatten die Organisatoren die Beteiligten nach Sympathiekriterien eingeteilt.
Mir war schnell klar, dass ich ins Boot Zwei der Bösen einsteigen musste. Die Guten hatten ohne Chance für die späteren Insassen des Bootes Zwei das Boot Eins mit ihresgleichen belegt. Verwunderlich für mich war, dass sich mein bekennender Lieblingsfeind Zdenek dem Boot Zwei zuteilen ließ, obwohl er einer der Macher war; eventuell war er ein Maulwurf.
Die Bootsfahrt startete erst am darauffolgenden Tag. Wir befanden uns in einem kleinen Bootshafen und verbrachten den Abend und die Nacht an Bord. Es ist üblich, mehrere Plattboote am gleichen Kai anzulegen. Zwischen unseren Booten Eins und Zwei lag ein fremdes Boot.
Der Abend verlief feuchtfröhlich mit Spielen, Gesängen und Geschichten. Unser Hauptanliegen war aber, eine Pyramide aus leer getrunkenen Bierdosen vom Tisch bis zur Kajütendecke zu stapeln. Die letzte Bierdose, unter die Decke geklemmt, sollte gleichzeitig das Signal für den Marsch in die Koje sein. Damit das nicht zu früh passierte, war die Basis als geschlossenes Quadrat, aus vierundsechzig Dosen bestehend, gebildet worden. In acht Schichten wurde darauf die Pyramide gebaut.
Wir waren kurz vor der Vollendung der fünften Schicht und bester Stimmung, als lächelnd ein Mitglied vom Boot der Guten in die Kajüte trat. Wir würden nicht glauben, was ihm passiert sei, begann er ruhig seinen Vortrag und erzählte etwas von einem Zaun mit einer langen Spitze. Zur Untermauerung klappte er seinen Mantel auseinander, und was sich uns eröffnete, war eine klaffende Wunde am Bein, etwa zwanzig Zentimeter lang und bis auf die Knochen tief. Die Blicke der Pyramidentrinker verrieten nur noch staunendes „Booo.“ Mein durchtränktes Hirn rief: „Ambulanz“. Ich sprang auf und stürzte zur Lukenleiter. Von unserem Boot aus musste ich nur noch die beiden Nachbarboote überwinden. Normalerweise hätte ich in meinem Zustand dieses Kamikazeanliegen nicht mehr gehabt.
Das schwarze Brett, das man zur Erleichterung des übergangs zwischen unserem und dem Nachbarboot gelegt hatte, kam mir gerade recht. Mit einem Sprung auf die Mitte des Brettes wollte ich im nächsten Satz auf das andere Boot springen. Den ersten Sprung schaffte ich spielend; doch dann hing ich zwischen beiden Booten, an jede Reling eine Hand geklammert. Sekunden später wurde mir bewusst, dass das schwarze Brett der Kontrast des Nichts zwischen beiden Booten war.
Ein beherzter Aufschwung auf eines der Boote nach Serienheldenmanier war mir, abgesehen von sonstigen Befähigungen, durch eine fürchterliche Zerrung irgendwo im Brustraum, die sich durch den Auffangruck eingestellt haben musste, verbaut. Deutlich gesprochen hing ich als nasser Sack zwischen beiden Booten. Unten grinsten mich zwei Schwerter an, die an den Seiten von Plattbooten üblicherweise angebracht sind; mag sein, dass sie meinen weichen Körper schon eher erwartet hatten.
Ich dachte nicht darüber nach, wie lange ich mich zu halten vermochte. Ich hielt mich einfach nur fest und konstatierte: das war's also. Unerwartet, wie vor wenigen Minuten das als Brett getarnte Nichts, näherte sich auf unserem Boot die Stimme meines Lieblingsfeindes. Er unterhielt sich mit einem Anderen über erforderlichen Maßnahmen für die ärztliche Versorgung der klaffenden Wunde. In mir keimte die Hoffnung auf, dass es das doch noch nicht gewesen war.
Als ich mich bemerkbar machen wollte, kam mir ein einfaches ‚Hilfe' plötzlich als zu banal vor. Ich wundere mich noch heute, wie ich angesichts der gierigen Schwerter unter mir dieses sanfte „Hallo“ über die Lippen bekam. Die Stimme meines Lieblingsfeindes verstummte, nachdem er registrierte: da war doch noch was. Ich bestätigte dies mit einem zweiten „Hallo, hier unten.“ Ich sah zwei Gesichter über der Reling erscheinen. Zdenek fragte mich überflüssigerweise: „Was machst du denn da?“ Er wartete, Gott sei Dank, die Antwort nicht mehr ab. Vier Hände hievten mich an Bord. Ich torkelte mit leerem Kopf in die Kajüte. Man sagte mir, dass man nie ein grüneres Gesicht gesehen habe. Allein, mein Lieblingsfeind, mein Lebensretter mochte mich seit jenem Tag nicht mehr so recht hassen.

© Erich Romberg

Steppenwolf
Gästebuch / Guestbook
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