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Die hässliche Kassiererin

Eine Erzählung









Die hässliche Kassiererin

Ich stehe in der Kassenschlange des Supermarktes und umkralle die beiden Cabanossi, die ich mir aus Heißhungergründen besorgt habe. Ich gehöre zu der Sorte von Schlangenstehern, die zwar ständig jemanden mit Einzelteilen vorlassen, aber niemals mit nur einem Teil vorgelassen werden. Ich frage auch nie, weil ich nicht weiß, wie ich es anfangen soll. Vor mir stehen drei bis zum Rand gefüllte Einkaufswagen und ein junger Mann, der ebenfalls nur einen Plastikbeutel mit zwei Tomaten, einer Zwiebel, einen Becher Sahne und eine Flasche Rotwein in den Händen hält.
An der Kasse sitzt eine dicke Frau, die an Hässlichkeit nicht mehr zu übertreffen ist. Sie hat ein rotes, mit feinen äderchen überzogenes Gesicht und eine dicke Warze auf der aufgeplatzten Nase. Ihr fast kahler Schädel ist mit den wenigen Haaren, die sie noch hat, gleichmäßig überdeckt. Am hässlichsten aber ist ihre Missmutigkeit, die sie ausstrahlt. Ich weiß nicht, welches Schicksal dieser Frau ihre Hässlichkeit zugefügt hat, aber es scheint, als hasse sie dafür die ganze Welt.
Sie ist mit einem vollen Band beschäftigt, das gerade eine Frau gefüllt hat, die jeden Blickkontakt mit den wenigen Teilen des jungen vermieden hat. Sie schien zu fürchten, dass sie unkontrollierter Weise sagen könnte: „Möchten sie nicht vor? mit Ihren wenigen Teilen?“ Der junge Mann ist einer von uns, jene, die bis zum Ende ihres Lebens darauf vertrauen, dass eines Tages irgend jemand diese magischen Worte sagt; fragen wird er nie.
Doch das volle Band wird leer. Ungeduldig wartet die Kassiererin auf die Bezahlung und schaut sehr ungnädig drein, weil die Massenkäuferin nicht gleich die passenden Banknoten in der Hand hat.
Die wenigen Teile des jungen Mannes sind schnell eingescannt. Er hält das Geld fast passend in der Hand, fünfzehn Mark.
„Elfzweiunddreißig“, sagt die Hässliche ungeduldig. Der junge Mann zückt seine Börse und fragt:
„Würden ihnen zweiunddreißig Pfennige nützen?“
„Wie sie wollen“, sagt sie gereizt. Eingeschüchtert wirft er die zweiunddreißig Pfennige zurück in seine Börse und reicht der Kassiererin die fünfzehn Mark. Jede weitere Verzögerung würde unweigerlich den Zorn der Hässlichen auf ihn ziehen. Wortlos knallt sie ihm das Wechselgeld auf die Theke. Sein Dankeschön beeindruckt sie nicht.
Die Inhaber der vollen Wagen vor mir haben ebenfalls jeden Blickkontakt mit meinen beiden Cabanossi vermieden. Jedes Mal, wenn sie in den Laden zurückblicken, so, als ob sie sich vergewissern wollten, ob sie auch wirklich kein Angebot verpasst haben, wenden sie den üblichen Auslassungsblick an. Langsam schweifen die Augen herum. Kurz vor der Cabanossi machen sie plötzlich einen Sprung und landen unvermittelt am anderen Ende der Wurst. Es ist ihnen tatsächlich gelungen, mein Einzelteil nicht zu erkennen. Sie fühlen sich daher nicht genötigt, mich vorzulassen. Natürlich streift ihr Blick auch nicht die Höhe meiner Augen, weil ein Treffen unserer Blicke eine unmittelbare Gefahr darstellt.
Als die Kassiererin mit verlässlicher Unfreundlichkeit die erste Frau mit dem berühmten Auslassungsblick vor mir bedient, entschließe ich mich, die unfreundliche Hässliche glücklich zu machen. Mit konstanter Unfreundlichkeit bedient sie auch die Auslassungsblickerin vor mir. Als diese etwas umständlich in ihrer Börse kramt, wiederholt die Kassiererin sehr unwirsch die bereits ausgesprochenen zweihundertachtundzwanzigdreißig. Die Frau mit dem Springblick beendete unvermittelt die Kleingeldsuche und zückt drei Hundertmark Scheine heraus. Wortlos knallt die Kassiererin das Wechselgeld in die Hand der Kundin. Ich lächele die Kassiererin mit meinem liebsten Gesichtsausdruck, der mir zur Verfügung steht, an, und sage, indem ich ihr meine Cabanossi reiche:
„Ist das nicht ein wunderschöner Tag heute?“
Verdutzt blickt mich die Kassiererin an:
„Ja“, sagt sie, „das stimmt, fünfachtzig.“
Ich gebe ihr Sechsmark und sage:
„Stimmt, der Rest ist für den Schwund.“
„Danke“, sagt sie, „einen schönen Tag wünsche ich“, und so etwas wie ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Ich wünsche Ihnen dasselbe“, sage ich und lächele zurück.
‚So hässlich ist sie gar nicht', denke ich, als ich den Laden verlasse.

© Erich Romberg

Steppenwolf
Gästebuch / Guestbook
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