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Der Aufsatz

Eine Erzählung


Der Aufsatz

Es gab eine Zeit, in der ich wenig wußte, weniger noch als heute, indessen Wissen ist auch heute nicht eine von meinen rühmlichen Qualitäten. Ich wundere mich immer wieder darüber, wieviel manche Menschen im Kopf zu halten vermögen; viele durchschnittliche Menschen, man findet sie immer wieder in diesen zahlreichen Talk- Shows, entpuppen sich als wahre Genies dieses Genres, diesen nachzueifern ich mir nicht einmal vorzustellen anmaße. Für diese Art von Anstrengungen ist mein Gehirn einfach nicht geeignet; es verhält sich wie ein ordentlicher Schwamm, der zwar in der Lage ist, sich kurzzeitig pompös vollzusaugen, alsbald aber ausgewrungen - nur noch etwas feucht - wieder dazuliegen. In diesem Zustand eines Minimalwissens vegetiert der dafür zuständige Teil meines Gehirns dahin. Doch weil Gott gerecht ist, hat er mir zur Kompensation eine blühende und sprießende Phantasie zugeteilt; ihr kommt, wie ich heute glaube, für mein persönliches Schicksal eine höhere Bedeutung als eine noch so umfangreiche Datenbasis im Kopf. Damit meine ich nicht den äußeren substanziell beobachtbaren Schicksalsverlauf, der sich abhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort oder Freundeskreis ändert und auf den wir persönlich kaum Einfluß haben. Das innere Schicksal, das rein private, nur von Denken, Fühlen und Empfinden, kaum aber von äußeren Einflüssen oder gar Wissen abhängige ist mein persönliches Schicksal, das über Zufriedenheit, Glück und Liebe oder über Mißmut, Haß und Weltverachtung, kurz über Hoch und Tief, Gut und Böse, Sein und Nichtsein entscheidet. Diese Phantasie ist mein wirkliches Glück und hilft mir besonders in schweren Zeiten - äußerlich betrachtet - die Kontinuität meiner Persönlichkeit zu wahren. Deshalb hat der reine Datenkonsum für mich nur eine sehr untergeordnete Bedeutung und kostet mich kaum mehr als das Festhalten eines Zweizeilers an Mühe, weil mehr als das ohne mein konkretes Bestreben in meinem Gehirn verankerte Informationsskelett auch mit äußerster Anstrengung nicht in meinen Kopf zu pressen wäre. Sehr früh habe ich daher mein Sinnen in andere Kanäle gelenkt, in welchen ich mehr als nur eine Handbreit Wasser unter dem Kiel sammeln konnte.

Es gab also diese Zeit, in der ich noch weniger wußte als heute, in der mir noch nicht bewußt war, daß ich ein persönliches Schicksal habe; es ergab sich also, daß ich durchaus fähig war Neid gegenüber jenen zu empfinden, die aufgrund der Informationsdichte kaum noch ihren Kopf in natürlicher Balance zu halten vermochten und deshalb ihre Nase immer etwas höher tragen mußten, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. In dieser Zeit, die ich oberflächlich als meine Jugend bezeichne, die aber tiefer betrachtet als Beginn der Selbstsuche einzuordnen ist, einer Selbstsuche, die heute dramatisch auf einen Zielpunkt zuschießt, obwohl dieser noch weit entfernt scheint, aber bereits im Abtaststrahl des Radars sichtbar wird; in dieser sogenannten Jugendzeit ereignete sich die folgende Geschichte.

Ich besuchte das fünfte Semester eines Abendgymnasiums, um das mir bewußt gewordene mangelhafte Wissen zu verbessern. Ich befand mich noch in dieser bedauernswerten Situation, in welcher sich ein besonderes Interesse für eine bestimmte Fachrichtung nicht herauskristallisieren wollte. Ich hatte zwar die Physik und die Mathematik als meine Spezialfächer gewählt, diese aber hauptsächlich aus dem Grunde, weil man mit Minimalkenntnissen auskommen konnte und sich damit Erfolge erzielen ließen. Obwohl mich die Physik später einmal aus anderen Gründen für längere Zeit fesseln sollte, war dieses fünfte Semester am Abendgymnasium noch nicht die Zeit der Entscheidungen. Auf Kriegsfuß stand ich mit jenen Fächern, in denen fundiertes Grundwissen in höheren Dosen erwartet wurde. Es waren dieses u.a. Fächer wie Geschichte, Sprachen und Deutsch; eben eine Deutschstunde im fünften Semester ist Gegenstand einer Erinnerung, die mich in diesem Augenblick unabdingbar in dieser Zeit verharren läßt, eine Situation, die eine Veränderung in mir bewirkte, die mir erst später recht zu Bewußtsein kommen sollte.

Der Deutschlehrer hat einen Aufsatz als zu bewertende Klassenarbeit angesetzt. Er nennt das Thema, ich höre nur halb zu - es interessiert mich nicht -:

"Der soziale Realismus"

Oh je! das habe ich noch nie gehört; es gibt kein Thema, über das ich weniger weiß. Ich sehe mich um und erkenne zu meinem Entsetzen, daß meine Klassenkameraden bereits eifrig schreiben. Mich allein trifft die Schuld! Deutsch ist das Fach mit schriftlich zu erbringenden Leistungen, welches ich am häufigsten versäume, schwänzen ist einfach; als noch Berufstätiger können immer vom Chef verordnete Überstunden vorgeschoben werden; das ist zwar nicht gern gesehen, wird aber toleriert. Überstundenverordnungen meines Chefs sind proportional zu meinem Interesse am jeweiligen Fach.

Sozialer Realismus? mir fällt was zu sozial ein, zu real; aber was ist Realismus? Dieses "mus" hat irgend etwas mit Kunst zu tun: "Impressionismus", Pointilismus", "Surrealismus" und - und - und; Kunst also? ein Gemälde zum Beispiel? ein Gemälde über etwas Reales! ein reales soziales Umfeld; ich stelle mir das Bild vor und beginne zu schreiben:

Der soziale Realismus.

Der Soziale Realismus ist eine Stilrichtung, in der mit den Mitteln der Kunst der soziale Alltag kritisch dargestellt wird. Er beschreibt die kleinbürgerliche Idylle, in der auch das Häßliche der sozialen Randgruppen mit einbezogen wird. Etwa im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nimmt der Soziale Realismus seinen Anfang. Man könnte z.B. den Weberaufstand der Käthe Kollwitz in die Anfänge dieser Stilrichtung einbeziehen. Besondere Bedeutung gewinnt der Soziale Realismus in der zeitgenössischen Kunst, die sich in dieser Zeit des ökonomischen Wachstums spezifisch mit dem Kontrast zwischen Wohlstand und dem Leben der gesellschaftlichen Randgruppen auseinandersetzt.

Ich sehe ein Bild in einem grau-dunklen Grün vor mir; es wird zu etwa 80% von einem durchsichtig erscheinenden Fisch ausgefüllt; er hebt sich reliefartig in einem helleren Grün von der Umgebung ab. Das Tier selbst besteht fast nur aus einem riesigen Magen; dieser hat die Form eines Pentagons. Konkreter als sich der Fisch vom Hintergrund abhebt, zeigt sich der ungewöhnliche Mageninhalt sternförmig symmetrisch in diesem speziellen Fünfeck angeordnet. Vom Zentrum des Sterns blickt ein Auge; in seiner Iris liegt ein menschlicher Fötus eingebettet. Der gekrümmte Nacken ist zur oberen Spitze des Pentagons gerichtet. Auf dem Strahl des Sterns vom Nacken bis zur Spitze dieser magischen geometrischen Figur leuchtet in einem strahlenden hellen Blau der Erdball. Vom Rücken oberhalb des Beckens und vom Bauch in der Höhe des Nabels ausgehend erstreckt sich jeweils ein Strahl zur linken bzw. zur rechten oberen Ecke des Pentagons . Die Spitze einer silbrig glänzenden Bombe ist auf den Rücken jenes Humunculus zugerichtet; im Bauchstrahl ist das Emblem einer Großbank angeordnet, es zeigt sich grauleuchtend protzig vor dem grünen Hintergrund. Auf der Basislinie dieser diabolischen Geometrie brennt ein grelles Feuer, Gelb und Rot, bis zum Gesäß der menschlichen Frucht schlagend; darin tummeln sich glatzköpfig nackte dürre Kinderleiber mit weit aufgerissenen schreienden Mündern und Augen. Die Leiber stechen weiß und dröhnen tiefschwarz auf den Betrachter ein, dunkles und weißes Starren und Schreien; indessen der grüne Fisch mit einer zufriedenen grinsenden Grimasse gleichgültig und schwerelos im schmutzig grünen Wasser zu schweben scheint.

Ich möchte die Fortführung meines Aufsatzes an dieser Stelle unterbrechen, zumal mir das Wichtigste gesagt zu sein scheint. Die in der Fortsetzung folgende expressive Interpretation des Bildes erachte ich für unwesentlich; erscheint sicherlich sehr subjektiv, und ich möchte die objektive Deutung durch die vielen möglichen Kritiker, die von der Darstellung und ihrer Bedeutung wesentlich mehr verstehen als ich, in keiner Weise beeinflußt wissen. Soviel sei gesagt: Ich habe meinen Aufsatz auf die gewünschte Anzahl an Seiten gebracht und hätte diesbezüglich auch darüber hinaus jede Forderung erfüllen können, wenn ich das Thema auch noch antithetisch behandelt hätte. Ich meine auch, daß meine Interpretation sich sehen lassen konnte; denn sie ist in mir, ist die Idee, ist letztendlich meine Kreatur; und diese selbst erscheint mir wesentlich. Ich habe ein derartiges Bild in meinem Leben niemals gesehen und dennoch, seit jenem Aufsatz habe ich es erlebt, ist es real; niemals habe ich es vergessen, unzählige Male von diesem grünen Ungeheuer geträumt; bis an mein Ende wird es in mir leben.
Unwesentlich ist für mich auch das schulische Ergebnis jenes Aufsatzes. Es mag für den Leser aber von einigem Interesse sein, so daß ich es ihm hier nicht vorenthalten möchte:
Der Deutschlehrer verkündete 2 Wochen später die Bewertung der Klassenarbeit. Die gesamte Klasse hatte das Thema verfehlt, wobei auch ich keine Ausnahmestellung einnahm. Das Thema war der "Sozialistische Realismus". Es ist damit nicht von der Hand zu weisen, daß ich das Thema verfehlt hatte. Dennoch nahm ich im Verfehlen des Themas eine Sonderstellung gegenüber meinen Klassenkameraden ein. Diese haben sich geschlossen für den "Realen Sozialismus" entschieden. Der Lehrer räumte eine Mitverantwortung ein - er hätte das Thema an die Tafel schreiben können. Der "Reale Sozialismus" ist von der Klasse recht ordentlich bearbeitet worden und damit nannte er, um den Aufsatz nicht wiederholen zu müssen, das Thema kurzerhand entsprechend um. Damit war ich der einzige, der das Thema verfehlt hatte. Nicht dieses, so betonte er, sei seine Begründung meinen Aufsatz als die schlechteste Arbeit zu bewerten, sondern allein die Tatsache, daß ich über eine Kunstrichtung geschrieben habe, die es nicht gibt. Ich hätte nicht deutlicher mein eklatantes Unwissen dokumentieren können, so daß er, gut begründet, meinen Aufsatz mit einer Sechs bewertete. Ich mußte zugeben, daß man seiner Argumentation durchaus folgen kann, geht sie doch konform mit allgemeinen Bewertungsgrundsätzen, war sie doch einfach und durchschaubar. Da mein Unwissen seit dem kein Geheimnis mehr ist, werde ich mich auch niemals um die Teilnahme in einer Quizsendung bewerben.

© Erich Romberg
Ireland, 1997
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